Nach der Wahl ist vor der Wahl. Nachdem es am Wochenende die niedersächsischen Wähler gehörig spannend gemacht haben, dürfen am Sonntag nun endlich die Leipziger in die Wahlräume stürmen. Hat das Stimmungsbild, das die LVZ mit ihrer Umfrage Anfang des Monats zeichnete, noch halbwegs Bestand, dürfte es ebenfalls spannend werden, allerdings lediglich in der Frage, ob Burkhard Jung gleich im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit sein Amt verteidigt. Andererseits: In Niedersachsen lagen die Meinungsforscher ja ordentlich daneben.
Bereits vor mehr als zwei Wochen habe ich den sechs OBM-Kandidaten Felix Ekardt, Dirk Feiertag, René Hobusch, Barbara Höll, Burkhard Jung und Horst Wawrzynski zwei Fragen zugeschickt, die sie mir beantworten sollten. Vor zwei Stunden und nach zweimaligem Erinnerungsanruf ist nun auch die letzte Antwortmail eingetrudelt. Ich hätte die Kandidaten natürlich zu Themen wie Kitas und Schulen, Armut und Arbeit, Kriminalität und Kultur befragen können. Aber in diesen Bereichen sollten die Ansichten klar sein. Stattdessen habe ich mir eine Nische gesucht, die nicht über den Ausgang der Wahl entscheiden wird, mich als Blogger aber interessiert.
Welche Rolle spielen das Internet und soziale Medien (z.B. Twitter, Facebook, Blogs) in Ihrem Wahlkampf?
Ekardt: Das Internet und speziell die sozialen Medien sind eine zentrale Säule unseres Wahlkampfes. Dank Facebook und Twitter haben wir nicht nur die Möglichkeit, unsere Inhalte und politischen Botschaften an die Frau und den Mann zu bringen, sondern bekommen auch Feedback dazu. Gerade Menschen, die normalerweise nicht zu einer grünen Mitgliederversammlung oder Wahlparty kommen, haben so die Möglichkeit, sich zu unserem politischen Angebot zu äußern – und machen auch regen Gebrauch davon. Im Wahlkampf haben wir deutlich sehen können, dass unsere Angebote im Netz auf großes Interesse stoßen.
Feiertag: Das Internet ist für unsere Arbeit von großer Bedeutung. Wir arbeiten dezentral, flach und in einem breiten Netzwerk; das wäre undenkbar ohne E-Mails, Clouds, Chats und Pads. Im Social-Media-Bereich könnten wir sicher noch besser sein, aber wir lernen ja auch ständig dazu. Ich gebe mir alle Mühe, Neuigkeiten schnell zu twittern, und zwei Teammitglieder kümmern sich intensiv um die Präsentation der Kampagne bei Facebook und Google+. Das Tollste an den neuen Medien ist, dass man die Menschen viel einfacher erreichen kann. Das hilft uns bei einer Kampagne, die aus der Bürgerschaft selbst heraus getragen wird, natürlich enorm. Über das Internet können wir der medialen Dauerpräsenz der etablierten Politiker etwas entgegensetzen. Und wir können einfacher die Aktivitäten der politischen Gegenspieler verfolgen, recherchieren und Inhalte aufbauen, die dann auch in der analogen Welt Druck erzeugen. Darauf ist auch unsere Kampagne strategisch abgestimmt. Wir investieren viel Zeit in die Beantwortung von Fragen, die uns via Mail, Social Media und über die Homepage erreichen, beziehungsweise von der Leipziger Internet Zeitung oder der Plattform abgeordnetenwatch.de gesammelt und als Online-Wahlforen angeboten werden. Gegenüber dieser intensiven „Netzarbeit“ ist die klassische Pressearbeit eher ein Klacks.
Hobusch: Internet und soziale Medien spielen eine wichtige Rolle. Es dient der ungefilterten Information der Öffentlichkeit, aber auch als Rückkoppelungsmöglichkeit. Soziale Netzwerke sind für mich keine Einbahnstraße. Die Links finden Sie auf meiner Webseite.
Höll: Keine Partei kommt heutzutage ohne die Nutzung des World Wide Web aus. Auch in meinem Wahlkampf spielt das Internet eine wichtige Rolle. Ich und mein Team nutzen E-Mails und Newsletter, um unsere Parteimitglieder und AnhängerInnen über Aktionen und Neuigkeiten zu informieren und zum Wahlkampf zu koordinieren. Aber auch Fragen oder Anregungen von Bürgerinnen und Bürgern nehme ich gern über mein elektronisches Postfach entgegen. Weiterhin versorgen virtuelle Verteiler die On- und Offline-Medienlandschaft mit Veranstaltungs-Ankündigungen und Pressemitteilungen. Aber auch die Homepage des Stadtverbandes die-linke-in-leipzig.de und die extra für den OBM-Wahlkampf erstellte Homepage obm2013.de bieten allen Interessierten die Möglichkeit, sich über mich als Kandidatin sowie meine Termine und Positionen zu informieren. Im Bereich der sozialen Medien nutze ich im Wahlkampf vor allem die Facebook Plattform, um Termine anzukündigen und über gelaufene Aktionen multimedial zu berichten. Seit kurzer Zeit übt sich mein Team auch im Twittern und wird diesen Auftritt bis zu den nächsten Wahlen weiter professionalisieren. Auf Bilderdiensten wie Pinterest, Flickr oder Instagram sind wir als DIE LINKE.Leipzig nicht vertreten. Wir veröffentlichen unser aktuelles Bildmaterial vor allem über die Homepages und den Facebookaccount. Für eine sinnvolle Präsenz auf Videoplattformen wie YouTube oder MyVideo haben wir als Stadtverband und ich als Kandidatin zu wenig Ressourcen und so nutzt der Stadtverband bei Bedarf die Auftritte unserer Bundes- und Landespartei mit.
Jung: Ich habe ein Facebookprofil, das ich persönlich pflege und betreue. Hinter meinem Facebookaccount sitzt kein Wahlkampfteam. Das ist mir auch wichtig, da es sonst nicht authentisch wäre. Zudem habe ich zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer, die meine Botschaften insbesondere auf Facebook verbreiten. Zusätzlich gibt es die Homepage burkhardjung.de, die durch mein Team gepflegt wird.
Wawrzynski: Die heutigen Möglichkeiten des Internets spielen für meinen Wahlkampf eine große Rolle. Dabei haben wir, mein Wahlkampfteam und ich, den Zugang zu unseren unterschiedlichen Online-Kanälen bewusst so einfach wie möglich gehalten, um möglichst viele User in allen Altersgruppen zu erreichen. Sicherlich erreichen wir über die Social-Media-Kanäle eine sehr spezifische Zielgruppe, aber darauf haben wir unsere Kommunikation entsprechend eingerichtet. Auf der zentralen Kampagnen-Plattform stehe ich als parteiloser OBM-Kandidat im Zentrum. Wir verfolgen damit vorrangig drei Ziele: Mobilisierung potentieller Wähler, gezielte Information für Unterstützer sowie die Bereitstellung von Argumenten und Fakten zur Kampagne. Für mein Wahlprogramm „100 Lösungen für Leipzig“ nutze ich dabei als einziger OBM-Kandidat konsequent die neuen Beteiligungsmöglichkeiten im Internet: Unter 100malleipzig.de haben die Leipziger Bürger die Möglichkeit, sich aktiv an meiner politischen Prioritätensetzung zu beteiligen. Sie können hier jede einzelne Lösung bewerten (Pro/Neutral/Contra) und zusätzlich jede Lösung auch kommentieren und neue Vorschläge machen. Über die konkreten Ergebnisse wird die Öffentlichkeit diese Woche informiert. Vielleicht aber schon so viel vorweg: Dieses Angebot wird sehr aktiv genutzt. Wir freuen uns natürlich sehr darüber und fühlen uns bestätigt, die Leipziger Bürger in dieser modernen Form so zu beteiligen.
Wie beurteilen Sie den Auftritt der Stadt Leipzig in diesen Medien und was würden Sie ändern?
Ekardt: Der Internetauftritt der Stadt Leipzig hat sich in den letzten Jahren durchaus weiterentwickelt. Es können auf leipzig.de Termine für Ämter vereinbart werden und Informationen über die Stadt sind ohne größeren Suchaufwand auffindbar. Das Elektronische Ratsinformationssystem eRIS stellt Informationen zur Stadtratsarbeit zur Verfügung, muss aber zu einer guten Handhabbarkeit weiterentwickelt werden und zukünftig durchgängig barrierefrei sein. Dies gilt auch – soweit noch nicht umgesetzt – für die Internetseite der Stadt. Bei der Umsetzung der von uns initiierten Informationsfreiheitssatzung, nach der die Stadtverwaltung zukünftig alle zur Verfügung stehenden Daten, sofern nicht vom Datenschutz betroffen, zur Verfügung stellen muss, wird das Internet eine zentrale Rolle spielen. Die zügige Weiterentwicklung der so genannten API.Leipzig – einer Programmierschnittstelle für den Abruf und die Auswertungen von Datensätzen der Stadtverwaltung – ist deshalb dringend geboten. Über diese Schnittstelle müssen schnellstmöglich mehr Daten zur Verfügung stehen als die zur Zeit sehr begrenzten und wenig aussagekräftigen Daten über die Arbeit der Stadtverwaltung. Dennoch ist festzuhalten, dass der gesamte Internetauftritt der Stadt im Handling bislang noch zu wünschen übrig lässt und eine umfassende Strategie gerade für die sozialen Medien bislang fehlt. Hier gibt es gerade auch in puncto Außenauftritt und Bürgerfreundlichkeit noch einiges zu tun. Vor allem aber fehlt eine umfassende Transparenz dahingehend, dass die Stadtverwaltung jedwedes Vorhaben, an dem sie gerade arbeitet (Spielplatzsanierung, Straßensanierung, Bauleitplanung, usw.), umfassend und zu jedem Verfahrenszeitpunkt im Internet publik macht. Nur dann kann eine echte Bürgerbeteiligung frühzeitig und solange alle Optionen noch offen sind sichergestellt werden.
Feiertag: Alles in allem ist Leipzig auf dem Weg zu einer stärker digitalisierten Verwaltung. So konnte ich beispielsweise die Bewerbungsunterlagen für meine Kandidatur beim Amt ganz einfach als PDF herunterladen. In manchen Bereichen geht es trotzdem nicht schnell genug. Ich denke da zum Beispiel an die Bedarfsfeststellung von Eltern, die einen Kita-Platz benötigen. Das „Elternportal“ der Stadt ist einfach unkomfortabel und wenig zielführend. Meines Erachtens mangelt es im Rathaus vor allem an der dementsprechenden Kompetenz. Ich denke, hier muss in Zukunft mehr Personal eingesetzt werden, damit wir zügig zu smarten digitalen Lösungen kommen. Auch sind viele Entscheidungen der Verwaltung zu intransparent. Ich wünsche mir hier mehr Bürgerbeteiligung, für welche Transparenz die Voraussetzung ist. Und hier kann das Internet helfen. Elemente wie Liquid Feedback oder das Livestreaming der Stadtratssitzungen sind ebenfalls noch Zukunftsmusik, für die ich mich einsetze. Was den Social-Media-Bereich angeht, so ist es jeder und jedem freigestellt, sich hier zu vernetzen. Für eine Institution wie die Stadtverwaltung sind die Social-Media-Dienstleistungen momentan jedoch nur bedingt geeignet, da sich die dort zusammenfindenden Communities nicht an Stadtgrenzen orientieren.
Hobusch: Aktuell läuft das auf einem Niveau, das vielleicht vor fünf oder sechs Jahren modern gewesen wäre. Hier müssen wir ran. Die Kreativen dieser Stadt haben viele Ideen, die ich mir als Oberbürgermeister genauer ansehen werde. Zu einer modernen Verwaltung gehören auch die sozialen Netze.
Höll: Der Web-Auftritt der Stadt Leipzig wirkt sehr professionell. Die Seite leipzig.de ist relativ übersichtlich strukturiert. Darüber hinaus ist die Stadt in den wichtigsten sozialen Netzwerken vertreten und postet beziehungsweise twittert während der Arbeitszeiten recht regelmäßig. Ein paar Verbesserungsvorschläge gäbe es aber dennoch. So sind die Social Media-Links auf der Startseite zu gut (ganz unten) „versteckt“ und recht klein gehalten. Da gilt „social media is about communication“, sollten, wenn diese Kanäle genutzt werden, die entsprechenden Links auch prominent vertreten sein. Ebenso sollten die Social Media-Kanäle nicht nur zum Zweck der Verbreitung von sowieso schon auf der Webseite vorhandenen Inhalten dienen, sondern auch zur Interaktion und Diskussion einladen. Dies passiert im Moment noch viel zu wenig. So könnte beispielsweise ein entsprechender Link unter „Ihre Ansprechpartner“ zu finden sein und nicht nur eine Telefonnummer und ein Behörden-Wegweiser. Warum sollte die Stadt nicht weitere Möglichkeiten nutzen, um sich in der virtuellen Welt zu präsentieren? Wie wäre es mit YouTube-Videos, zum Beispiel von Führungen durch unsere vielfältige Kulturlandschaft? Oder was wäre gegen Flickr-Diashows, zum Beispiel von unseren sehr schönen Wald- und Parklandschaften einzuwenden? Im Sinne der Bürgerbeteiligung halte ich Online Debatten über die Zukunft unserer Stadt für unverzichtbar. Das alles könnte man in einem Social Media-Newsroom bündeln und so die Web 2.0-Präsenz der Stadt Leipzig weiter qualifizieren und vor allem die Bürgerinnen und Bürger zum Mitmachen einladen.
Jung: Die Stadtverwaltung verfügt über einen Twitter-Account und einen Facebook-Auftritt, die durch das Referat Kommunikation betreut werden. Zusätzlich gibt es einen Facebook-Auftritt der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH. Gemeinsam mit den Auftritten verschiedener städtischer Unternehmen halte ich die Präsenz für gut. Die Homepage der Stadt Leipzig wird gerade überarbeitet und geht, angepasst an die neuen Herausforderungen, 2013 ins Netz.
Wawrzynski: Die Stadt Leipzig erhebt zu Recht einen internationalen Anspruch. Im Hinblick auf Gestaltung, Inhalt und Interaktion der Internetseite leipzig.de wird sie diesem im Vergleich mit anderen Städten jedoch in keiner Weise gerecht. Es ist im Jahr 2013 nicht mehr möglich, als Großstadt eine Internetseite mit dem gleichen finanziellen und personellen Aufwand zu betreiben, wie Anfang der neunziger Jahre. Kein ernstzunehmendes Unternehmen könnte sich das leisten. Als Oberbürgermeister werde ich die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Außendarstellung unserer Stadt auch über Internet und soziale Netzwerke verbessert wird. Die Webseite leipzig.de muss ein modernes, mehrsprachiges Aushängeschild unserer Stadt werden. Ebenso wie die Auftritte in den sozialen Netzwerken.
Abschließend möchte ich noch auf die freie Redezeit bei den Hörfunkern von mephisto verweisen, wo sich alle sechs Kandidaten zweieinhalb Minuten lang in die Herzen ihrer Wähler reden durften. Die zentralen Themen habe ich unten zusammengefasst. Am Mittwoch, ab 18 Uhr, strahlt mephisto in einer Sondersendung eine in der vergangenen Woche aufgezeichnete Kandidatenrunde aus.
Schwerpunkte:
Ekardt: Ehrlichkeit bezüglich der Arbeitslosigkeit / Rechtskonformität / menschenwürdige ALG2-Unterkunftskosten / Aufklärung der „Herrenlosen Grundstücke“ / weniger hoch priorisierte Großprojekte / Investitionen in Kitas, Schulen und Klimaschutz / Nachhaltigkeit / Stärkung von ÖPNV und Radverkehr
Feiertag: Transparenz / Bürgerbeteiligung / fahrscheinloser ÖPNV / Schaffung von Kita-Plätzen / rechtmäßiges Verwaltungshandeln / Beheben von sozialen Problemen
Hobusch: Verkehrsinfrastruktur / Schulen und Kitas / Schuldenabbau / moderne, bürger- und unternehmerfreundliche Verwaltung / Arbeitsplätze
Höll: Armutsbekämpfung / wirtschaftliche Entwicklung / Kitas / Bürgerbeteiligung und -entscheide / vielfältige Kultur / modernes Naturkundemuseum / Fünf Prozent für die Freie Szene / Transparenz in der Stadtpolitik
Jung: nachhaltiges Wachstum / soziale und offene Stadt / Kultur- und Sportreichtum / Internationalität / Bürgerbeteiligung
Wawrzynski: Aufklärung von Skandalen / Bekämpfung von Armut und Jugendkriminalität / Schulen und Kitas / Stärkung des Mittelstandes / Schaffung von Arbeitsplätzen
Übrigens: Die Leipziger Hochschulzeitung “student!” hat für ihre aktuelle Ausgabe ein paar bislang geheime Wahlkampfplakate der Kandidaten aufgetrieben.