Ich konnte mich nicht zwischen der reißerischen und der sachlichen Überschrift entscheiden.
Vorspiel
Früher, so vor zehn Jahren, als ich anfing, mich für den Leipziger Fußball zu interessieren, war das ganz einfach: Es gab den VfB und es gab den FC Sachsen. Es gab einen Spieler wie Rock Embingou, der am 30. März 2002 im einzigen traditionellen Derby, dem ich beiwohnte, den VfB zum Sieg schoss. Der Alfred-Kunze-Sportpark platzte aus allen Nähten, man hatte viel zu lachen: VfB-Fans, die aufeinander losgingen; ein Zuschauer, der einen Ordner das gesamte Spiel hindurch unentwegt als „fette Sau“ beschimpfte. Selbst auf dem Norddamm war das wohl zu hören. Zwei Jahre später gab’s den VfB, neun Jahre später den FC Sachsen nicht mehr.
Die Vereine, die in Leipzig heute um die Gunst der Fußball-Fans buhlen, heißen (wieder) Lok und BSG, aber auch SG Leipzig-Leutzsch, RasenBallsport und Roter Stern. Für jeden ist das Passende dabei. Die BSG gibt’s schon etwas länger, wenn auch erst seit diesem Jahr wieder als Betriebssportgemeinschaft, die SGLL ist erst einige Monate alt. Ein Vampir, aus der Asche des FC Sachsen zu untotem Leben erwacht. Im Forum der BSG würde es für solch eine Formulierung wohl Beifall geben – man mag sich nicht sonderlich. Beide sehen sich in der Tradition des zweimaligen Meisters BSG Chemie Leipzig, wie sie bis zum Ende der DDR bestanden hatte, bevor die Umbenennung in FC Sachsen Leipzig erfolgte.
2008 nahm die schon ein Jahrzehnt zuvor (neu)gegründete Ballsportgemeinschaft unter Federführung der explizit antirassistischen Ultra-Gruppierung „Diablos“ den Spielbetrieb in der untersten Liga auf; mit dem FC Sachsen wollten einige hundert Grün-Weiße nichts mehr zu tun haben. Auch weil dort rechte Hooligans namens „Metastasen“ geduldet wurden. Den Diablos wurde Verrat vorgeworfen, spätere Einigungsversuche scheiterten stets unter gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Versöhnung zwischen BSG und FC Sachsen-Überbleibsel war nach dem Ende des FCS eigentlich alternativlos. Doch weil nichts wirklich alternativlos ist, übernahm der neue Verein namens SG Leipzig-Leutzsch das Spielrecht der zweiten Mannschaft des FC Sachsen in der Landesliga. Da währenddessen die BSG ihrerseits infolge einer Spielrechts-Übernahme fix einige Ligen nach oben kletterte, war es perfekt: das Leutzscher Derby in Liga 6.
Als der Rote Stern Leipzig, der zur BSG ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, vor einigen Wochen im Alfred-Kunze-Sportpark bei der SGLL gastierte, wurde wohl jedem endgültig bewusst, dass es mit der Leutzscher Einheit in absehbarer Zeit nichts werden würde. Die Sache mit den Nazi-Gesängen ist bekannt. Hat viele Leute nicht gerade erfreut, die Diablos schon gar nicht.
Musste man für das Leutzscher Derby, bei dem die Fans der SGLL Gast im eigenen Stadion waren, nun Schlimmes befürchten? Chemie-Fans, die sich mit Chemie-Fans prügeln? (Na gut, das gab’s wohl auch schon früher) Die BSG hatte im Vorfeld einige Hausverbote verhängt, gegen Metastasen und bekannte Nazis. Das hieß aber natürlich nicht, dass diese sich nicht im Umfeld des Stadions hätten herumtreiben können.
Aufwärmen
Als ich im Bus, auf dem Weg zum Stadion, einigen Mitfahrern lauschen konnte, die eigentlich gar nicht zum Spiel wollten, sich aber kurzfristig doch dafür entschieden hatten, dachte ich mir schon, dass es den einen oder anderen Neugierigen in den AKS zieht. Wenn man sich hinterher durch die diversen Foren las, wusste man jedenfalls, dass auch der eine oder andere Lok-Fan sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen wollte. Der erste Eindruck, den ich von den grün-weißen Anhängern an diesem Tag bekam, war eine Gruppe von etwa 30 Leuten, die mit orangefarbenen „Chemie“-Mützen bekleidet, grimmig drein blickend um eine Ecke bog. Das hatte eine Dynamik, die mich an Filme erinnerte, ohne dass ich jetzt sagen könnte, welche genau. Kurzzeitig keimte in mir die naive Hoffnung auf, dass Fans beider Seiten sich im Vorfeld auf diese Mützen-Aktion verständigt hatten, als kleines Zeichen der Einheit. Das war natürlich Blödsinn. „Chemie“ auf der Stirn hatten lediglich die Fans im Gästeblock.
Lange Schlangen dann vor den Kassen, wo ich auch die Linke-Stadträtin Juliane Nagel erblickte, sonst wohl eher Stammgast beim Roten Stern. Dann war sie auch schon da, die 30 Personen starke Gruppe, die sich ihren Weg durch die Schlangen bahnte, scheinbar einmal ums Stadion marschieren wollte. Ein BSG-Fan ließ sich von so ziemlich jedem Vorbeikommenden anrempeln, die ersten Herzlichkeiten wurden also schon früh ausgetauscht. Einen Böller ließ die Gruppe auch noch da. Während des Wartens auf den Kauf der aufgrund eines Sicherheitszuschlags um zwei Euro verteuerten Eintrittskarte wanderte mein Blick schon mal ins Stadion, wo sich gleich hinter dem Einlass eine andere Gruppe von etwa 15 Leuten in Stellung gebracht hatte, offenbar um die Lage „abzuchecken“. Die Polizei fand daran wenig Gefallen und forderte auf, sich zu verziehen.
Da ich die Zeit viel zu großzügig einkalkuliert hatte und das Spiel aufgrund einer Menschenmasse, die das offenbar nicht getan hatte, auch noch 15 Minuten verspätet angepfiffen wurde, hatte ich im Stadion noch ausreichend Gelegenheit, mich umzuschauen und diversen (wenig erhellenden) Gesprächen zu lauschen. Ununterbrochen blies einem dabei der Wind um die Ohren, der den Charakter dieser Begegnung hervorragend unterstrich. Auf der Gegenseite erblickte ich eine falsch aufgehängte Reichsflagge und fragte mich, warum sich niemand genötigt sah, sie zu entfernen. Erst hinterher wurde ich aufgeklärt: Es handelte sich um die Nationalflagge des Jemen. So etwas nennt man wohl Paranoia.
Etwa zehn Minuten vor Anpfiff hatte der Stadionsprecher der BSG seinen großen Auftritt, einer, der zumindest bei mir in negativer Erinnerung bleiben sollte. Gerade als Untermieter der SGLL macht es wenig Sinn, ausdrücklich zu betonen, dass es sich bei diesen an jenem Tage nur um den Gaaaaaaaast handelte. Explizit hervorzuheben, welche Spieler der SGLL eine Vergangenheit bei Lok haben, wirkte zudem wie ein Relikt vergangener Tage. Wechsel von einem grün-weißen Verein zu Blau-Gelb und andersherum waren in den letzten Jahren nun wirklich keine Seltenheit mehr. Selbst die der BSG wohlgesonnenen Zuschauer auf dem Dammsitz fanden diese Ansage ziemlich blöd. Applaus, wenn auch nicht aus den beiden Fanblöcken, fand hingegen die Anmerkung, je nach persönlichem Geschmack handele es sich um das unnötigste Fußball-Spiel aller Zeiten.
Im Anschluss an diese Moderation, die zumindest auf Seiten der BSG wohl so eine Art „Null Bock auf Annäherung“-Haltung ausdrücken sollte, entblößten die Fans der Betriebssportgemeinschaft ein gewaltiges Banner. Dieses wurde blöderweise vom Wind buchstäblich zerfetzt. Einige kommentierten das hinterher als Sinnbild für die Spaltung in Leutzsch. Kann man so machen; ich fand’s in erster Linie einfach nur schade.
Anpfiff
Da einen das Geschehen auf dem Rasen leider nur allzu selten wirklich in seinen Bann zog, hatte man währenddessen genügend Gelegenheit, das Augenmerk in Richtung Fankurven zu lenken. Auf Seiten der SGLL gab’s mal mehr, mal weniger laute Schlachtrufe, darunter nicht nur „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“. „Die Nummer 1 in Leutzsch sind wir“ war auch dabei. Ich frage mich allerdings, ob solch ein Fangesang im AKS zum Lachen oder zum Heulen sein soll. Auf Seiten der BSG gab’s recht lautstarken Dauersupport über 90 Minuten mit allerhand Liedgut, wobei ich nicht weiß, ob solch eine weitgehend vom Spielgeschehen gelöste Unterstützung für die eigene Mannschaft wirklich eine große Unterstützung darstellt. Oder ob der Vorwurf, den man ja ganz gerne mal an Ultras richtet, sie feierten doch letztlich vor allem sich selbst, da nicht so ganz unberechtigt daherkommt. Andererseits bot das Spiel (ein 0:0 mit besseren Chancen für die BSG) natürlich auch wenig Anlass, den Support daran auszurichten.
Durfte ich bei meinen letzten beiden Besuchen im AKS noch insgesamt über 100 Böller zählen, blieb es diesmal ruhig. Keine Böller, kein Pyro, keine Spielunterbrechung, keine Randale, nichts. Nur ein kleiner „Vorfall“: Nachdem die BSG-Ultras ein Banner „Leutzsch scheißt auf Nazis“ zeigten, reagierte der gefühlt einzige SGLL-Unterstützer auf dem Dammsitz mit einem kräftigen „Ihr scheiß Kommunisten!“. Davon abgesehen schienen sich die beiden Lager – nimmt man die erwähnten Provokationen seitens des Stadionsprechers heraus – regelrecht zu ignorieren. Jedenfalls bis Apfiff.
Abpfiff
Hinterher kam es wohl noch zu einigen – wie man im Sportjournalismus zu sagen pflegt – unschönen Szenen. Was genau wer mit wem veranstaltet hat, kann ich nicht beurteilen, da ich mich bereits auf dem Weg zum Bus befand. Am Plausibelsten erscheint mir folgende Variante: Metastasen haben versucht, sich an Verantwortlichen der BSG zu vergreifen, woraufhin deren Ultras dieses Angebot zum Konflikt gerne angenommen haben. Steine, Pfefferspray, es folgte wohl das Übliche. Was wirklich geschah, wissen wohl nur die Beteiligten. Relativ unstrittig dürfte sein, dass es zu Auseinandersetzungen zwischen Fans der BSG und jenen der SGLL kam. Die in Stein gemeißelte 64er-Meisterelf neben der Tribüne soll sich dem Vernehmen nach neutral verhalten haben. Im Gegensatz zu antisemitischen Gesängen und Führer-Liedern hatte es auch das Thema Red Bull zum Leutzscher Derby geschafft: Als die Polizei nach dem Spiel die Straße neben den Bahngleisen dicht machte, äußerte einer der empörten Fans die Vermutung, die Bullen hätten die Bullen dafür bezahlt.
Spieltagsanalyse
Wer am Wochenende in der Hoffnung im Alfred-Kunze-Sportpark war, die beiden grün-weißen Parteien würden sich gegenseitig auseinandernehmen und am Besten noch das Stadion in Schutt und Asche zerlegen, wurde ebenso enttäuscht wie diejenigen, die auf ein packendes Derby gehofft oder Schritte der Annäherung erwartet hatten. Ich persönlich kann mir nur schwer vorstellen, wie Grün-Weiß und Grün-Weiß wieder zusammen finden sollen. Es ist zum einen eine Frage der Fußballkultur, zum anderen aber eben auch eine der Politik. Auf der einen Seite die BSG mit einer jungen, tendenziell linksalternativen Ultra-Fankultur, die auf Mitbestimmung in ihrem Verein pocht und diese auch bekommt, auf der anderen Seite die SGLL, deren Fans ihre Leidenschaft für ihren Verein weder dadurch leben, dass sie in den Gremien vertreten wären, noch durch SingSang über die gesamten 90 Minuten.
Auf der einen Seite die BSG mit ihrer offenen Sympathie für den Roten Stern und dem antirassistischen Selbstbild, auf der anderen Seite einige SGLL-Anhänger, die gerade diesen Antirassismus-Ansatz für jene Form von Politik halten, die nicht in Fußballstadien gehört. Und die „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ brüllen, was sich ja weniger gegen Ausländer richtet (das wäre der Fall, wenn es „Nur ein Deutscher ist ein Leutzscher“ hieße, ein feiner Unterschied), sondern vielmehr gegen sämtliche Deutschen, die nicht zur SGLL zählen. Da sind aber eben auch die weitaus problematischeren und durch ein Video belegten Parolen, die auf allen Ebenen des Vereins verharmlost wurden.
Ein Großteil der eher neutralen Zuschauer mag eine Leutzscher Einheit im Sinn haben, ich glaube nicht daran. Der aktuelle Zustand erscheint mir insbesondere aufgrund der Zusammensetzung der Fans als weitaus natürlicher.