Update vom 3.12.: Der Lehrstuhl für Journalistik fährt hartes Geschütz auf. Neben einer ausführlichen Stellungnahme findet sich seit heute Nachmittag dort auch eine Glosse, die als “amüsant” angekündigt wird (und keinen genannten Autor vorzuweisen hat – und das beim Online-Magazin der Leipziger Journalistik). Unabhängig von der Qualität der Glosse wirft die Stellungnahme in der Tat schon ein etwas anderes Licht auf die ganze Geschichte. Die Aussage von Herrn Machill sei so nicht komplett gewesen, die Äußerungen von Prorektor Wolfgang Fach seien niemals gefallen und der Student Roger Vogel sei ein “Wiederholungstäter”, der nicht das erste Mal mit dem Urheberrecht in Konflikt geraten ist. Man darf gespannt sein, welche Enthüllungen die Causa Machill noch bereithält. Aus einem Lehrstück über merkwürdige Methoden eines Professors wird der persönliche Rachefeldzug mindestens eines ehemaligen Studenten von ihm. Ausgleich für Machill, Popcorn-Kino vom Feinsten. Fortsetzung folgt.
Wohl einer der letzten Lipsia-Artikel ohne Altersfreigabe…
Es war einmal ein Professor für Journalistik, von dem hörte man nichts Gutes. Er bilde sich auf seinen Harvard-Abschluss gehörig was ein (na gut, das lässt sich wohl nicht vermeiden), drohe per Post juristische Konsequenzen an (wenn man ihn mit Kritik an seinen Lehr- und Prüfungs-Methoden konfrontiert) und prophezeie schon im Vorfeld von Klausuren eine Durchfall-Quote von über 50 Prozent (und ändere, um diese zu erreichen, dann auch mal eben zwei Tage vor der Klausur die Prüfungsordnung). Auch diverse Mitarbeiter eines studentennahen Mediums ließen an “Prof. Dr. Marcel Machill, MPA (Harvard)” kein gutes Haar. Sein schlechter Ruf eilte ihm also voraus. Dem Zwang Der Möglichkeit, Wahlbereichsmodule zu studieren, sei Dank, darf ich mir in diesem Semester ein eigenes Bild machen (in bislang sage und schreibe vier Vorlesungen; der Rest fiel planmäßig aus). Ich gehöre also zu jenen 343 Studenten, um die es im Folgenden geht.
Herr Machill macht einen sympathischen Eindruck. Es ist zwar absehbar, dass er nicht für große Lacher im Hörsaal sorgen wird wie viele seiner Kollegen – aber sofern er seinen Stoff gut vermittelt, lege ich darauf auch keinen großen Wert. Herr Machill hat eine angenehme Stimme, seine Vorlesungen und Folien (aus dem WS 2009/10) sind klar und verständlich strukturiert. Online stellt er seine Folien allerdings nicht, man muss also aufmerksam sein und viel mitschreiben. Was ich gar nicht so schlecht finde, weil man als Student einer Universität auch durchaus mal 90 Minuten gefordert sein darf. Üblich – zumindest in den Sozialwissenschaften – sind ja sonst eher Folien auf Abruf und entspanntes, gelangweiltes Zurücklehnen während der Vorlesung. Bei Herrn Machill ist der Hörsaal natürlich voll.
Einige meiner Kommilitonen können oder wollen sich jedoch nur auf Herrn Machills Ausführungen oder auf die Folien konzentrieren. In der zweiten Vorlesung zuckt deshalb zunächst Blitzlicht durch den Hörsaal – einige Studenten fotografieren die Folien ab. Herr Machill wünscht, dass dies unterlassen wird. Ein Student geht einen anderen Weg, pinselt die Folien ab, zeichnet jedoch die Stimme von Herrn Machill (mit einem riesigen Mikro) auf Band auf. Dieser bekommt das mit, fragt noch einmal nach (“Nehmen Sie das auf?”) und verweist den Studenten dann des Hörsaals. Zusätzlich gibt er ihm noch die Bitte, in einer Sprechstunde vorbeizukommen, mit auf den Weg und erkundigt sich, ob er schon einmal etwas vom “Recht am eigenen Wort” gehört hat. Da hat er also das erste Mal zugeschlagen, der Herr Machill.
Herr Machill hat ein Buch verfasst. Medienfreiheit nach der Wende heißt es. Darum geht es in der Journalistik-Vorlesung von ihm zwar quasi gar nicht, prüfungsrelevant ist es trotzdem. Während der Klausur darf man es immerhin benutzen. Knapp 40 Euro kostet das gute Stück allerdings. Womit wir so langsam beim Kern dieser Geschichte wären.
Zu Beginn der gestrigen Vorlesung fand sich an jedem Platz des Hörsaals eine Kopie eines Artikels aus der Süddeutschen Zeitung wieder. Dieser ist mittlerweile auch online verfügbar: Bitte erstmal lesen.
Mein linker Nachbar hat ihn beim Platznehmen runtergeschmissen, meine rechte Nachbarin echauffierte sich über die Wortwahl von Herrn Machill. Herr Machill selbst nahm keine Kenntnis von der Aktion oder ließ es sich zumindest nicht anmerken. Vermutlich hatte er ebenso wenig wie ich damit gerechnet, welche Aufmerksamkeit dieser Artikel noch erregen sollte. Vielleicht war oder ist es ihm aber auch einfach egal.
Mittlerweile ist Folgendes geschehen: Zahlreiche Blogger und sonstige Webseiten haben das Thema aufgegriffen (1, 2, 3, 4), darunter auch die nicht ganz unbekannte Netzpolitik. Einen besonders bissigen Kommentar gibt’s im Misanthropenwald. Und Mephisto hat zur “Causa Professor Machill sogar ein Interview mit dem Studenten geführt, der sich der Urheberrechtsverletzung schuldig gemacht hat. Und natürlich ist Herr Machill mittlerweile auch Thema bei Facebook und Twitter. Bei Letzterem gibt es sogar einen User namens Causa Machill. Angeblich will auch der MDR einen Beitrag senden.
Dass Herr Machill nicht nur unter den Studenten, sondern offenbar auch im Kollegenkreis, nun ja, umstritten… ist, hat sich bereits vor dem Artikel in der Süddeutschen gezeigt. Da wurde ein Professor gefragt, ob er eine Präsentation online stellen könne, woraufhin dieser bejahte und sinngemäß anfügte, dass dies an Universitäten ja eigentlich der Normalfall sein sollte. Die anwesenden Studenten klopften zustimmend auf die Tische. Der Name Machill war hier zwar nicht gefallen, aber wohl jeder dachte in diesem Moment an ihn.
Deutlicher äußerte sich nun also Prorektor Wolfgang Fach in der Süddeutschen, wo er unumwunden zugibt, dass es mindestens einmal pro Semester Probleme mit Herrn Machill gibt. Rechtlich gesehen ist dieser vermutlich auch jedes Mal auf der sicheren Seite. Fragwürdig, eitel, arrogant erscheint es aber schon,
a) sein eigenes, 39 Euro teures Buch zur unbedingten Pflichtlektüre zu erheben und als Einziges als Hilfsmittel für die Klausur zuzulassen
b) die eigenen Folien als sozusagen “geistiges Eigentum” nicht online in einem passwortgeschützten Bereich (wie Moodle) zur Verfügung zu stellen
c) sämtliche Pflicht-Texte online verfügbar zu machen – nur eben die eigenen nicht, weswegen man quasi gezwungen ist, diese käuflich zu erwerben
d) einen Studenten verklagen zu lassen
Ich habe keine Lust, meine Zeit mit irgendwelchen Studenten zu vertändeln
könnte – zumindest im kleinen Kreis – vielleicht mal ähnlichen Kultstatus erlangen wie die parlamentarischen Zwänge der NRW-Grünen und lässt erahnen, welches Verständnis Herr Machill von seinem universitären Lehrauftrag hat. Laut seiner Aussage in der Süddeutschen Zeitung kann Prorektor Wolfgang Fach bezüglich der Causa Machill erst dann tätig werden, wenn sich mehrere Studenten über den Professor beklagen.
Mein vollkommen neutraler Ratschlag: Werfen Sie einen Blick ins World Wide Web, hören Sie sich auf den Gängen um, Herr Fach.
Schlagwörter: machill, roger vogel, süddeutsche
2. Dezember 2010 um 22:41 |
hey rené, echt peinlich Deine Fehler in Deinem Blog. Hast wohl noch nicht mitbekommen, dass der Ursprungsartikel aus der Süddeutschen voller Fehler ist. So hat wohl der Prorektor inzwischen klargestellt, dass er sich so nie über Machill geäußert hat. Und auch das Machill-Zitat selbst ist falsch: Er hat nie über Studenten allgemein gesprochen, mit denen er nicht seine Zeit vertendeln will, sondern über Studenten, die Urheberrechtsverletzungen begehen. aber dieses kleine, feine detail hat der gute sz-journalist wohl geflissentlich weggelassen. aber das ist ja auch egal, wenn man so schöne viele andere blogs und medienleute zitieren kann. in der masse der gleichschreiber schwimmt es sich einfacher als mal die fakten zu überprüfen, gell?
Weiterer dicker Fehler in dem sz-artikel: die drei herausgeber von dem “fraglichen” buch bekommen gar kein honorar. sie haben nämlich auf ihr honorar verzichtet, um den preis zu drücken. — aber pfui, das passt jetzt so gar nicht ins bild von dem machill, net wahr.
woher ich die fakten kenne? ich muss zugeben per zufall: habe einfach mal auf machills website geschaut…
und noch was: ich war gestern mal bei machill in der sprechstunde. wollte mir einfach selbst ein bild von dem typ machen. habe ihn um “Rat” gebeten wegen Auslandsstudium und Stipendium und so. Da hat er mich erst mal genau gefragt, was ich so bislang gemacht habe und wo meine schwerpunkte liegen… – und hat dann eine super-strategie mit realen optionen vorgelegt. ich muss sagen: kompetent, nett, ernsthaft. ich kann nur hoffen, dass er so bleibt und sich nicht angewiedert zurückzieht. aber all das ist ja nur meine bescheidene meinung.
2. Dezember 2010 um 23:03 |
Hallo Mondendingens,
nein, dass der Ursprungsartikel aus der Süddeutschen voller Fehler ist, habe ich in der Tat noch nich mitbekommen. So, du hast also die Fakten geprüft. Indem du Herrn Machill in seiner Sprechstunde dazu befragt hast?
Ich fände deine Ausführungen deutlich glaubwürdiger, wenn du ein paar Quellen im Angebot hättest. Tut mir leid, aber für den Moment schenke ich der Süddeutschen, auch beruhend auf meinen eigenen Erfahrungen und den Anekdoten aus meinem Bekanntenkreis, mehr Glauben als einem anonymen Kommentierer.
Machills Webseite – welche genau wäre das denn und wo findet sich da der Hinweis auf den Honorarverzicht? (was im Übrigen löblich wäre, mit dem Thema hier an sich aber auch nicht so viel zu tun hat, denn Geldgier habe zumindest ich Herrn Machill nicht unterstellt)
2. Dezember 2010 um 23:27 |
ganz einfach mal auf Machills Homepage an der Uni Leipzig gucken.
2. Dezember 2010 um 23:45 |
Hier (–> http://www.uni-leipzig.de/journalistik2/lehrstuhl/mitarbeiter/marcel-machill/) finde ich leider nichts dazu. Vielleicht liegt es an meiner Unfähigkeit, vielleicht an der Uhrzeit. Wäre nett, wenn du mir mit einem konkreten Link auf die Sprünge hilfst.
3. Dezember 2010 um 08:15 |
Hallo René,
vielen Dank für den Beitrag, als aktueller “Zeitzeuge” sozusagen ;-).
Aber eigentlich wollte ich nur kurz auf Mondendingens eingehen:
Wenn ich deine Kommentare auf den Blog-Seiten lese, bin ich froh, dich niemals an der Uni Leipzig kennengelernt zu haben. Wenn ich etwas hasse, dann ist es Arroganz, Klugscheißerei und eine herablassende, belehrende Art. Und du triefst ja nur so davon.
Klar, du hast die fachliche Kompetenz und mehr Ahnung als alle Blog-Verfasser und Kommentierer zusammen (immerhin Master-Student der Journalistik). Aber auf deine geistigen Ergüsse einzugehen, kann ich nicht.
Mir geht beim Lesen deiner Kommentare (noch nicht mal der Inhalt, eher die Art) einfach nur das Androhen von Gewalt durch den Kopf… aber Gott sei Dank kenn ich dich nicht.
Weiterhin viel Spaß beim Studium, du wirst ein ganz hervorragender Journalist werden, da bin ich mir sicher.
Gruß
Stefan
3. Dezember 2010 um 12:12 |
@ René: Schau mal auf seiner Webseite unter “Aktuelles”
3. Dezember 2010 um 13:18 |
Danke. Habe es mal kurz überflogen, werde es mir demnächst noch mal in Ruhe zu Gemüte führen. Liest sich so, als ob da ein paar ehemalige Machill-Studenten einen kleinen persönlichen Rachefeldzug führen. Zitate nur unvollständig wiederzugeben oder sich gar auszudenken, ist einer Zeitung wie der Süddeutschen jedenfalls unwürdig. Jetzt steht erst einmal Wort gegen Wort.
@Mondendingens… Nur so am Rande: Die Stellungnahme findet sich nicht auf der Webseite von Herrn Machill, sondern auf der des Lehrstuhls. Kleiner, aber feiner Unterschied.
3. Dezember 2010 um 13:36 |
[...] Süddeutschen Zeitung, der FAZ und in diversen Blogs (unter anderem auch auf mrtnh.de, sowie z.B. hier, hier und hier) und Online-Publikationen (hier) gegen ihn erhoben worden [...]
4. Dezember 2010 um 00:21 |
Dass Prof. Machill sich an dem Buch ne goldene Nase verdient, habe ich auch nie geglaubt. Selbst wenn er 10% vom Erlös bekäme: da verdient man bei McDonald’s als Student mehr. Umso besser, dass er auf ein Honorar verzichtet.
Was ich aber wesentlich sensibler finde, ist, dass er von Steuergeldern bezahlt wird. Klar ist er juristisch gesehen im Recht, aber moralisch gesehen zählt für mich das höhere Gut der freien Information.
Da kann er erstens nicht kommen und verlangen, dass sich alle ein Buch kaufen, um das Modul zu bestehen. In der Tat hätte er als Professor es den Studenten sogar legal als Lehrmittel kostenfrei zur Verfügung stellen können (wenn auch nur digital, denn der Uni kann man die Druckkosten nicht zumuten).
Und zweitens finde ich in dieser Hinsicht seine Einstellung zum “Recht am eigenen Wort” Quatsch. Ob er seine Folien online stellt ist seine Entscheidung, aber dass man die Vorlesung eines Professors an einer staatlichen Uni nicht mitschneiden darf, ist eine Frechheit. Am freien Fluss des Wissens besteht ein Öffentliches Interesse — erst Recht, wenn Forschung und Lehre durch Steuergelder finanziert werden.
Aber darum ging es ja hier gar nicht ^^
6. Dezember 2010 um 14:56 |
Das Buch kann hier übrigens witzigerweise komplett kostenlos gelesen werden – hat der Professor aber nicht verraten:
http://paperc.de/10002-medienfreiheit-nach-der-wende-9783867642675
7. Dezember 2010 um 17:47 |
[...] Lipsia Leipzig « Der einmalige Herr Machill [...]
10. Dezember 2010 um 19:34 |
[...] Ein Student scannt das Werk eines Professors ein und wird anschließend vom Verlag verklagt. Daraufhin geht der Student mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Zunächst berichtet die unabhängige Hochschulzeitung „student!“ darüber, später auch Mephisto, L-IZ, netzpolitik.org, Süddeutsche, FAZ, taz und seit heute auch Spiegel Online. Zahlreiche Blogs greifen das Thema auf, bei Facebook gründet sich die Gruppe „Causa Machill“. Der Lehrstuhl für Journalistik II unter Leitung von Professor Machill reagiert mit Stellungnahmen und einer Dokumentation, die eine initiierte Medienkampagne seitens der Studenten aufdecken soll. Die Sachlichkeit bleibt dabei mitunter auf der Strecke. Ging es anfangs noch um einen Urheberrechtsstreit und ein fragwürdiges Zitat, hat sich die Causa Machill binnen weniger Tag zu einer Auseinandersetzung um Grundsätzlicheres entwickelt. Die Art und Weise, mit der diese Auseinandersetzung geführt wird, wirft bei vielen Interessierten Fragen auf. [...]