Noch-Kulturbürgermeister Michael Faber trägt einen giftgrünen Anzug. Neben all den schwarzen und dunkelgrauen Anzugträgern auf dem Podium wirkt er damit wie ein Fremdkörper. Und Fremdkörper müssen entfernt werden. Dachten sich zumindest 44 Stadträte und beantragten ein Abwahlverfahren gegen Faber. Dieses führte heute in der ersten von zwei nötigen Abstimmungen zum Erfolg. Wenn auch nur denkbar knapp und mithilfe der beiden NPD-Hanseln. Mit einem Fuß hat Michael Faber das Rathaus also verlassen.
Das Rathaus betreten, genauer gesagt den Sitzungssaal, hatte er heute als erster der sieben Bürgermeister. Da saß er nun, beobachtet von einigen Dutzend Besuchern sowie zahlreichen Kameraobjektiven. Unter den Besuchern: die Nerv-Frau von Leipzig (fiktive BILD-Schlagzeile). Wer gelegentlich Podiumsdiskussionen oder ähnliches besucht, weiß sicherlich, von wem ich rede. Die Nerv-Frau tanzte zunächst vor dem Bürgermeister-Podium rum, wo eigentlich nicht mal die Presse was zu suchen hat. Oberbürgermeister Burkhard Jung und Michael Faber reichten sich unter Blitzlichtgewitter die Hand. Die Nerv-Frau nahm dann auf den Besucherrängen Platz und rief noch “Dann werden Sie dumm gucken aus der Wäsche”. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht ganz klar, wem dies galt.
Kurz nach 14.00 Uhr stelle OBM Jung die Beschlussfähigkeit des Stadtrats fest. Von 70 Stadträten waren zu diesem Zeitpunkt 66 anwesend. Wolf-Dietrich Rost (CDU) fehlte aufgrund seiner Verpflichtungen im sächsischen Landtag entschuldigt. Schon nach wenigen Minuten rief Jung den Tagesordnungspunkt 6, “Abwahl des Beigeordneten für das Dezernat IV – Kultur”, auf. Zunächst nutzte der “Angeklagte”, Michael Faber, die Gelegenheit, sich vor der Ratsversammlung zu verteidigen. Oder besser: Er nutzte sie nicht. Faber zitierte, wohl als Kompetenzbeweis gedacht, Thomas Mann und Goethe, und benannte aktuelle Problemfelder: Naturkundemuseum, Musikalische Komödie, Opernintendanz. Er bat den Stadtrat, ihm die Gelegenheit zu geben, im nächsten Jahr daran zu arbeiten und dann Resultate zu präsentieren. Was ihm fehlte, war auch nur der Ansatz einer mitreißenden Vision, die noch einige Stadträte hätte auf seine Seite ziehen können. Dass er auch noch kurz von Jung und der Nerv-Frau unterbrochen wurde, kam ihm sicher auch nicht unbedingt gelegen.
Anschließend betrat Lokomotivführer Rudi Gerhard (so die offenbar falsche Schreibweise seines Namens auf der lokalen NPD-Homepage) das Rednerpult. Heute hätte man ihn auch ohne Mikrofon im letzten Winkel des Saals gehört. Als Lokomotivführer muss man scheinbar laut sein. Dass Faber Gespräche mit der NPD abgelehnt hätte, war noch das Sinnvollste, was seiner Rede zu entnehmen war. Später ließ er noch durchblicken, dass er seine Maske auch abends vorm Spiegel nicht abnimmt (okay?). Andauernd sprach er dabei von sich in der dritten Person. Ich würde ja gern objektiv über die NPD berichten, wenn es nur nicht so wirr wäre, was die Herren Gerhard(t) und Ufer ständig zum Besten geben.
Zurück zu Faber: Auch normale Menschen wie Wolfram Leuze von den Grünen sprachen sich für die Abwahl von Faber aus. Als Vorsitzender vom Fachausschuss Kultur hatte sein Wort gewissermaßen Gewicht. Leuze räumte Faber das Recht ein, zu erfahren, warum er den Antrag zur Abwahl unterschrieben hat. Bei seinen Ausführungen ging Leuze bis zur umstrittenen Wahl von Faber im April 2009 zurück. Fabers Wahl sei ein “machtpolitisches Spiel über die Bande mit Ihnen als Ball” gewesen. Faber sei kein “Homo Politicus”. Das müsse kein Nachteil sein, im Falle von Faber jedoch war es einer. Weitere wenig schmeichelhafte Worte: “Das Amt des Kulturbürgermeisters ist kein Ausbildungsplatz” oder “Sie ließen keinen Fettnapf aus”. Für letzteres nannte Leuze zugleich vier Beispiele: 1. Fabers Umgang mit der freien Szene. 2. Fabers Äußerung, dass die Thomaner auch in weltlichen Räumen singen sollten. 3. Für Faber sei das Centraltheater stets ein Ärgernis gewesen (“Wir haben Sie als Kulturdezernenten gewählt, nicht als Rezensenten”). 4. Fabers Äußerung, der 9. Oktober sei auch nur ein Tag in der langen Geschichte von Leipzig wie jeder andere auch.
Dann stand die geheime Wahl an. Während Faber allein in seiner Ecke saß, bildete sich vor ihm die “Schlange der Abwähler”: CDU, Grüne, Bürgerfraktion. Von diesen hatte er nichts zu erwarten. Die Nerv-Frau rief “Das ist politischer Zirkus” und Linke-Stadtrat Siegfried Schlegel forderte einen Abbruch der Wahl. So wie ich das mitbekommen habe, passte ihm der Stimmzettel nicht. Hoffentlich hatte nicht der StuRa der Uni Leipzig die Organisation übernommen. OBM Jung konnte ihn aber offenbar besänftigen. Michael Burgkhardt (Bürgerfraktion) stand derweil wie ein Erdmännchen, das Wache hält, vorm Podium.
Während der bewachte Faber nun komplett allein auf dem Podium hockte, zählten direkt hinter ihm 16 fleißige Hände die Stimmen aus. Als Fotograf Wolfgang Zeyen gerade sein >beliebige Phantasie-Zahl einsetzen<tes Foto von Faber schoss, läutete OBM Jung zur Entscheidung. Die Nerv-Frau war gerade im Begriff zu gehen, als sie ein Besucher auf die bevorstehende Ergebnis-Verkündung aufmerksam machte.
Von 69 abgegebenen Stimmen entfielen 48 auf "Ja" (also für die Abwahl von Faber). Exakt so viele Stimmen waren mindestens nötig. Bedeutet: Ohne die Stimmen der fraktionslosen Stadträte wäre die Abwahl nicht erfolgreich gewesen. Bedeutet aber auch: Mindestens drei Stadträte aus dem Spektrum SPD/Grüne/FDP/Bürgerfraktion/CDU haben sich für Faber ausgesprochen. Die Nerv-Frau, dem Oberbürgermeister schon namentlich bekannt, geriet nun vollkommen außer Kontrolle und lieferte sich von der Besuchertribüne aus ein kleines Rededuell mit Jung ("Ich bin nicht Ihre Frau"). Wolfram Leuze forderte den OBM auf, die Frau des Saales zu verweisen. Nach etwa fünf Verwarnungen ging diese dann freiwillig. Ilse Lauter, die Fraktionschefin der Linken, war ebenfalls stinksauer über den Ausgang der Wahl. Zwar wählte sie ruhige, sachliche Worte; mit der Ankündigung eines nun gestörten Verhältnisses der Fraktionen im Stadtrat waren sie jedoch nicht weniger deutlich.
Und Faber? Nahm das Ergebnis mit Fassung. Noch bleibt ihm die zweite Abstimmung im Januar, in der nochmals eine Zwei-Drittel-Mehrheit gegen ihn zustande kommen muss. Spätestens seit heute ist das alles andere als sicher. Ein einziger Stadtrat, der sich zu seinen Gunsten umentscheidet, würde bei sonstiger gleich bleibender Stimmenabgabe seine Abwahl bereits scheitern lassen. Auch denkbar: krankheitsbedingtes Fernbleiben von Stadträten. Die heutige Sitzung hat gezeigt, dass es spannender wird als angenommen. Die Linke dürfte komplett hinter Faber stehen, doch auch in den anderen Fraktionen verstecken sich Sympathisanten seiner Person oder seiner Kulturpolitik.
Der zweite Fuß von Michael Faber steckt noch im Türspalt des Neuen Rathauses fest. Im Januar wird sich zeigen, ob ihn der Stadtrat wirklich komplett in die Kälte schmeißt. Vielleicht wartet dort ja die Nerv-Frau von Leipzig auf ihn.
Schlagwörter: abwahl, michael faber, neues rathaus, stadtrat

15. Dezember 2010 um 23:16 |
Die verwirrte Nervfrau sollte sich mal ein Beispiel an Sokrates nehmen ;)
16. Dezember 2010 um 22:19 |
Oh, in der LVZ steht heute sogar der Name der guten Frau. Und auch ein anderer Spitzname; ich komme also zu spät. Die “Nerv-Frau” heißt schon “Schwarze Witwe”. Und ein Zitat habe ich ganz vergessen zu erwähnen. Die Schwarze Witwe Richtung Jung: “Als Nächstes werden Sie abgewählt”.
19. Januar 2011 um 17:30 |
[...] Michael Faber ausgesprochen haben. Schon im Dezember ging die Wahl äußerst knapp aus, damals kamen die erforderlichen 48 Stimmen jedoch gerade so zusammen. Diesmal [...]