Fast 20 Jahre ist es her, als – so hat es zumindest Wirtschaftsjournalist Helge-Heinz Heinker recherchiert – der STERN Leipzig als “Boomtown” bezeichnete (S. 5). 15 Jahre später war Leipzig plötzlich nicht mehr Boomtown, sondern Armutshauptstadt Deutschlands. Wie konnte es so weit kommen? Entspricht das überhaupt der Realität? Was kann, was muss man tun? Darüber diskutierten gestern Abend im Zeitgeschichtlichen Forum unter dem Titel “Das Ende einer Aufholjagd? Leipzig zwischen Boomtown und Abstiegsangst”:
- Peter Franz (Institut für Wirtschaftsforschung Halle)
- Uwe Albrecht (Beigeordneter für Wirtschaft und Arbeit der Stadt Leipzig)
- Kathrin Rieger-Genennig (Mitautorin des Leipziger Lebenslagenreports)
- Helge-Heinz Heinker ((ehemaliger) Wirtschaftsjournalist (der LVZ) und Autor des Buches “Boomtown Leipzig. Anspruch und Wirklichkeit”)
Moderiert wurde die Veranstaltung von André Böhmer, dem stellvertretenden Chefredakteur der LVZ.
Zu Beginn drehte es sich um die eingangs erwähnten Bezeichnungen für Leipzig. Franz wies auf den Gegensatz hin, dass Leipzig zwar zu den wenigen Regionen Ostdeutschlands mit Bevölkerungswachstum gehört, dafür aber – für eine Großstadt ungewöhnliche – wirtschaftliche Schwächen besitzt. Rieger-Genennig rückte zunächst einmal den Begriff “Armutshauptstadt” ins rechte Licht. Diese sei Leipzig aus den Gründen, dass als Maßstab der bundesweite Durchschnitt der Löhne herangezogen wurde und dass aus den neuen Bundesländern lediglich Leipzig und Dresden Teil dieser Untersuchung waren. Aufgrund der im Vergleich niedrigeren Einkommen im Osten Deutschlands und der Tatsache, dass aus dem Osten neben Leipzig eben bloß das ungleich stärkere Dresden herangezogen wurde, ergibt sich dieser Titel fast zwangsläufig. Nimmt man als Maßstab jedoch den Einkommensdurchschnitt der jeweiligen Stadt, sieht die Sache etwas besser aus (auch hier nachzulesen). Dann befindet sich Leipzig auf einem ähnlichen Niveau wie viele westdeutsche Städte.
Auch Heinker fand an der Bezeichnung “Armutshauptstadt” wenig Gefallen. Als der STERN 1992 Leipzig als Boomtown bezeichnete, griffen dies viele Medien unüberlegt auf. Als Leipzig 2008 dann Armutshauptstadt wurde, bahnte sich diese Bezeichnung auch ihren Weg, ohne dass sie einer näheren Prüfung unterzogen wurde. Tatsache sei aber auch, dass heute nicht Leipzig genannt wird, wenn es um positive Regionen in Ostdeutschland geht. Stattdessen Dresden, Jena oder Greifswald. Leipzig findet sich mit seiner Wirtschaftskraft eher auf einem Niveau mit dem Erzgebirge wieder.
Albrecht nannte zugleich die Gründe für den Rückstand Leipzigs. Nach der Wende hätte in Leipzig eine beispiellose Deindustrialisierung eingesetzt. Die Prioritätensetzung auf Banken, Medien und Dienstleistung sei ein Fehler gewesen. Mit AMD, Infineon oder auch den 8000 gut bezahlten Landesbeamten in der sächsischen Hauptstadt konnte Leipzig nicht mithalten. Heinker hatte zur damaligen Zeit im Rathaus die Vision einer Vorreiterrolle beim Sprung vom industriellen zum postindustriellen Zeitalter aufgeschnappt. Das hat offensichtlich nicht geklappt. So wurden 1993 Hochhäuser gebaut, in denen seitdem kein einziger Quadratmeter vermietet werden konnte und die heute wieder abgerissen werden.
Von den Fehlern der Nachwendezeit lenkte Moderator André Böhmer dann die Aufmerksamkeit auf den Status Quo. Und der besagt, dass Leipzig bei der Arbeitslosenquote in Sachsen derzeit auf dem vorletzten Platz liegt, noch weit entfernt von Dresden und Chemnitz, die bereits eine einstellige Quote erreicht haben. Die Frage, die nun im Raum stand, war die, wie das mit den vielen Ansiedlungen wie beispielsweise von BMW, Porsche, DHL und Amazon zusammenpasst.
Darauf fand Albrecht eine ziemlich ernüchternde Antwort: “Schauen Sie sich mal die Parkplätze bei diesen Konzernen an. Ich wage die Prognose, dass 60% der Fahrzeuge kein Leipziger Kennzeichen haben.” Das generelle Problem mit der Arbeitslosigkeit relativierte Albrecht ein wenig, immerhin sei die Quote seit 2006 von 18 auf 13 Prozent gesunken, in Menschen ausgedrückt: 10 000 haben seitdem einen Job gefunden. Er benannte aber auch deutlich Problemfelder, in etwa die “zum Himmel schreienden Vorgänge im Baugenehmigungsverfahren”.
Heinker sieht das Problem mit Unternehmen wie Porsche und BMW darin, dass diese nicht fest mit der Stadt verwurzelt sind. So seien während der Wirtschaftskrise aus dem Leipziger BMW-Werk Zeitarbeiter herausgedrängt und durch Mitarbeiter aus Regensburg ersetzt worden. “Die Entscheidungen fallen nicht in Leipzig” und “Wir sind auf den guten Willen der anderen angewiesen”. Als jüngstes Beispiel nannte Heinker hierfür den Einstieg von Red Bull in den Leipziger Fußball. Albrecht sieht noch ein anderes Problem: “Es gibt keine freien Flächen mehr. Wenn heute ein großer Japaner oder Italiener käme, der nochmal die Fläche von BMW möchte, muss ich ihm sagen, dass das nicht geht.” Aus dem Publikum kam daraufhin der Zwischenruf, man solle halt alte Industriebrachen abreißen. Auch Rieger-Genennig benannte die ihrer Meinung nach vorhandenen Problemfelder: mehr Ausbildungsplätze als Schulabgänger, Wegzug junger, gut qualifizierter Frauen, zunehmende Altersarmut und unzureichende Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt, Stichwort: Anerkennung von Abschlüssen.
Nach ziemlich exakt einer Stunde gab André Böhmer die Diskussion für das Publikum frei, welches das Themenfeld erwartungsgemäß noch etwas erweiterte (bis hin zu einem eher unpassenden Exkurs in die aktuelle Diskussion über die Drogenpolitik der Stadt). Zunächst jedoch meldete sich noch einmal die Person zu Wort, die schon während der Podiumsdiskussion den Abriss alter Industriebrachen (in Lindenau und Plagwitz) gefordert hatte. Laut Wirtschaftsbürgermeister Albert stehen einem Abriss jedoch zwei Gründe im Wege: Zum einen sei die Stadt häufig gar nicht im Besitz der entsprechenden Grundstücke. Und zum anderen könne dort dann auch nicht ohne Weiteres neu gebaut werden, da müssten zunächst baurechtliche Voraussetzungen erfüllt werden. Ein Problem seien beispielsweise angrenzende Wohngebiete.
Die “Schwarze Witwe” (O-Ton LVZ) kritisierte den Bau der neuen Hotels und wollte wissen, warum nicht einfach bereits bestehende genutzt werden, in erster Linie natürlich das Astoria am Hauptbahnhof. Die schlichte Antwort: Auch hier ist die Stadt nicht der Eigentümer und auf deren Wohlwollen angewiesen. Der letzte größere Diskussionspunkt drehte sich um die Einkaufsflächen der Stadt, was Journalist Heinker regelrecht wütend machte: “Wir haben nicht einmal 70 Prozent der bundesdeutschen Kaufkraft, aber dreieinhalb mal mehr Einkaufsfläche als nötig. Für den Handel ist das nicht zu bewältigen. Herr Albrecht, Sie müssen auf die Bremse treten.” Heinker äußerte seine Sorge um die mit öffentlichen Geldern errichteten Stadtteilzentren und zog die “Höfe am Brühl” etwas ins Lächerliche, als er seine Freude bekundete, nun endlich solche Firmen wie Schlecker, Rossmann und Deichmann in der Stadt zu haben. Wirtschaftsforscher Franz hielt dagegen und verwies auf die Diskussion im Vorfeld des Promenaden-Baus im Hauptbahnhof. Auch damals habe es eine Diskussion gegeben, ob die Innenstadt dies verkraften würde. “Ja, das hat sie.”
Abschließend sollten sich die vier Podiumsgäste zur Perspektive “Leipzig 2020″ äußern. Franz vermutete Leipzig zu diesem Zeitpunkt als Hauptstadt eines Bundeslandes Mitteldeutschland, Albrecht benannte BMW und Porsche als Zugpferde, prophezeite eine wichtige Rolle der Biotechnologie und hoffte auf viele Unternehmensgründungen aus dem eigenen Mittelstand und Rieger-Genennig träumte von einer bunten, lebenswerten Stadt mit viel kreativem Potential (Studenten, junge Start-Ups). Das Schlusswort hatte Heinker: “2020 ist der Solidarpakt ausgelaufen. Die Löhne müssen steigen, sonst laufen uns die Arbeitskräfte weg. Der Kampf um Verbundnetz Gas und die EEX wird weitergehen. Es wird täglich zwei Flüge nach London geben und der ICE fährt nur noch alle zwei Stunden über Leipzig. Red Bull Leipzig spielt gegen Inter Mailand in der Europa-Liga und der City-Tunnel wird langsam fertig.”
Tags: armutshauptstadt, bmw, boomtown, höfe am brühl, helge-heinz heinker, kathrin rieger-genennig, peter franz, porsche, red bull, uwe albrecht
6. April 2011 um 17:09 |
Da liegt der Herr Albrecht fast richtig, ich würde auch schätzen, dass fast 50% ausserhalb von Leipzig, bzw. vom Leipziger Land kommen. Das liegt aber mehr daran, dass diese Konzerne ziemlich nahe an Sachsen-Anhalt liegen. Viele Pendler kommen eben von dort. Einen beträchtlichen Teil aus den alten Bundesländern kann ich aber bei uns nicht ausmachen.
Schade das für neue Ansiedlungen scheinbar kein Platz mehr sein soll. Ist im Bereich vom GVZ oder dem Flughafen tatsächlich so ein Platzmangel vorhanden? Das kann ich mir nicht so recht vorstellen.
Ich hoffe trotzdem, dass Leipzig “Boomtown” bleibt. Die Stadt hat riesiges Potenzial, vorallem im Bereich Tourismus könnte sich bis 2014 einiges tun. Man denke nur an das ausgebaute Neuseenland, Belantis, eben RB Leipzig, die Erweiterungen der Porsche- und BMW-Werke. Man sollte nicht allzu schwarz malen.
Scheinbar ist unsere Gegend auf Grund des Lohngefälles immer noch attraktiv. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
7. April 2011 um 10:43 |
Das Stadtgebiet im Norden geht wirklich nicht besonders weit. Man kann die versprenkelten Dörfer ja auch nicht abreißen, dann gehören die Flächen der Stadt teilweise gar nicht, oder wegen irgendwelcher Umwelt- und Lärmschutzauflagen darf keine Industrie angesiedelt werden. Aber ich staune auch, dass noch weiter im Land kein Platz für einen Speckgürtel ist.
http://www.openstreetmap.org/?lat=51.3782&lon=12.4049&zoom=12
16. April 2011 um 23:02 |
[...] mephisto 97.6 (Leipzig/4780) 50. Gemeinsamleben Weblog (Leipzig/4941) 51. AMI-Blog (Leipzig/5030) 52. Lipsia (Leipzig/5171) 53. alte-kiehvotz.de (Klingenthal/5227) 54. Dresden Neustadt Retrospektiv [...]
13. Mai 2011 um 00:16 |
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9. Dezember 2011 um 17:27 |
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