Flanke von rechts

Was nicht sein darf, darf nicht sein. Dass der Fußball in Leipzig mal über einen längeren Zeitraum aus rein sportlicher Perspektive im Mittelpunkt steht, darf offenbar nicht sein. Im ersten Halbjahr ging es in Leutzsch (Abschied vom FC Sachsen und Neu-Gründung der SG Leipzig Leutzsch), in Probstheida (Kubald-Abschied) und, nun ja, am Cottaweg (mal wieder ein kompletter Austausch des RB-Teams) nicht primär um die Geschehnisse auf dem Platz. Zu Beginn der laufenden Saison schien sich dies tatsächlich zu ändern. Die um mehrere Ligen nach oben fusionierte BSG Chemie startete genau wie die SGLL mit drei Siegen in die (dieses Jahr extrem interessante) Landesliga, Lok Leipzig ließ den Aufstiegs-Ambitionen vor allem keine Tore folgen und fehlstartete desaströs in die neue Saison und RB beglückte sowohl Fans als auch Marketing-Planer, indem es mit dem DFB-Pokal-Erfolg über Wolfsburg für eine Sensation und erstmals größere bundesweite Beachtung sorgte.

Doch was nicht sein darf, darf eben nicht sein. Also besorgte das Los im Sachsenpokal eine – positiv formuliert – reizvolle Partie: Roter Stern Leipzig vs. SG Leipzig Leutzsch. Dass die Sterne politisch links sind, wusste man. Dass die SG politisch rechts ist, vermutete man. Sonst wäre das Heimrecht wohl nicht in Richtung Alfred-Kunze-Sportpark, also nach Leutzsch gewandert. Zur Erklärung für alle für gewöhnlich nicht sonderlich Fußballinteressierten: Die Heimspielstätte der Sterne genügt kaum größeren Sicherheitsanforderungen.

Wenige Tage vor diesem Spiel (Sechstligist gegen Siebtligist, nur am Rande) tauchte im Internet dieses Kunstwerk auf, mit dem sich der “Chemieblogger” eingehender befasst hat. Was immer man danach für das Spiel selbst erwarten durfte oder musste, wurde von der Wirklichkeit wohl noch einmal übertroffen. Ich selbst war (leider?) nicht vor Ort, möchte mich deshalb auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und jenen die Berichterstattung überlassen, die auch tatsächlich dabei waren (siehe weiter unten). Ob der Schiedsrichter die Beschwerden der RSL-Spieler tatsächlich ignoriert hat und die Leutzscher Spieler in der Kabine “Haut die Zecken tot” gesungen haben, kann ich ebenso wenig beurteilen wie mögliche Provokationen und Beleidigungen aus dem RSL-Fanblock. Auf die Kommentare bei LVZ-Online kann man beim Thema lokaler Fußball ja leider überhaupt nichts mehr geben.

Allerdings existiert dieses Video, das wenig Zweifel daran lässt, dass im Alfred-Kunze-Sportpark am Wochenende Dinge gesagt und gesungen wurden, die man weder dort noch irgendwo anders hören möchte. Auf eine “Die anderen rufen auch doofe Sachen”-Diskussion, oder darauf, ob “Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher” harmlos ist, weil es ja schon seit Jahrzehnten und damals unter ganz anderen Vorzeichen gerufen wurde, muss man sich gar nicht erst einlassen. “Juden”-Rufe und Führerlieder sind nochmal ein ganz anderes Kaliber.

Das mindestens ebenso Bedenkliche, und da stimme ich den vielen Kommentatoren der Ereignisse zu, ist ja eigentlich die Reaktion von zahlreichen Anhängern der SGLL und deren Vorstandssprecher Jamal Engel. Gut möglich, dass da Leute, die mit dem Verein überhaupt nichts zu tun haben, diesen für ihre Zwecke missbrauchen. Trotzdem dürfen solche Vorfälle nicht heruntergespielt werden. Zwei Kommentare von Engel bleiben dabei besonders in Erinnerung:

Ich befasse mich nicht mit Politik. Im Spielberichtsbogen steht nichts dergleichen drin, also muss ich mich auch nicht damit befassen. (Quelle: LVZ-Online)

Das lässt mich spontan an einen lateinischen Spruch aus meinem Geschichts-Studium denken, auch wenn der Zusammenhang nicht ganz korrekt ist: “quod non est in actis, non est in mundo” (“Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt”)

Ich erkenne dort keinen, der irgendwo einen Fanschal von unserem Verein hat, also dass der aus unseren Fangruppen ist. (Quelle: Mephisto)

Aha. Problem gelöst? Stehen zwar in unserem Stadion, aber gehören gar nicht zu uns. So einfach ist das.

Natürlich wird und muss jemand wie Jamal Engel stets die Vereins-Finanzen im Hinterkopf haben: Weniger Zuschauer = weniger Einnahmen. Einen eventuell nicht unerheblichen Teil an Zuschauern aus dem Stadion zu schmeißen oder gar nicht erst rein zu lassen, bedeutet erhebliche finanzielle Einbußen. Solche Überlegungen sind nachvollziehbar, aber verantwortungslos. Ein Verein, der ohne diese Art von Zuschauer nicht überlebensfähig ist, ist auch nicht erhaltenswert.

Fortsetzung folgt spätestens am 26. November beim absurden Landesliga-Duell zwischen der BSG Chemie und der SG Leipzig Leutzsch. Im Publikum auf Seiten der BSG sicher mit Unterstützung einiger “Sterne”. Wer auf der anderen Seite die SG so alles “unterstützt” (und vor allem: wer nicht), liegt nun auch in den Händen von Engel.

Mehr zum Thema:

Braun statt Grün-Weiß: Nazis sind keine Engel (Chemieblogger)
Der Streit um die Hetzparole (Mephisto)
Fans von Roter Stern beklagen rechtsradikale Stimmung (LVZ-Online)
SG Leipzig Leutzsch weist Neonazi-Vorwürfe zurück (Leipzig Fernsehen)
Spielbericht von Roter Stern Leipzig
Über Fußball und Politik (Fußball-Blog der LVZ)
“Wenn das der Führer wüsst’” (Kreuzer)

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6 Antworten zu „Flanke von rechts“

  1. David Plotzki sagt:

    Echt schade um den Fußball. Wer nimmt unter solchen Bedingungen noch seine Kinder mit ins Stadion?

  2. Michael sagt:

    Interessant, dass der Autor in den Tonfall der L-IZ.de einstimmt, diese aber als Quellen nicht angibt (er war ja nicht dabei). Aber egal – hiermit nachgeholt: http://www.l-iz.de/Sport/Fu%C3%9Fball/2011/09/SG-Leipzig-Leutzsch-Fans-im-Video-Nichts-gehoert-29262.html

    Ansonsten – einfach die erneut gegründete Leutzscher Totgeburt einfach schließen (so gehen sie eh pleite) – die vernünftigen (fußballbegeisterte) Fans sind längst bei der BSG Chemie und solche Fußballspiele braucht wirklich niemand in Leipzig.

  3. René Loch sagt:

    Den L-IZ-Artikel habe ich – ob du mir das nun glaubst oder nicht – erst hinterher gelesen. Glaube auch nicht, dass ich zwingend erst mal nachlesen muss, was die L-IZ zu einem Thema schreibt, bevor ich mich selbst dazu äußere.

  4. Flanke von links « Lipsia sagt:

    [...] Lipsia « Flanke von rechts [...]

  5. Nazis gegen Kommunisten, oder: das Leutzscher Derby « Lipsia sagt:

    [...] endgültig bewusst, dass es mit der Leutzscher Einheit in absehbarer Zeit nichts werden würde. Die Sache mit den Nazi-Gesängen ist bekannt. Hat viele Leute nicht gerade erfreut, die Diablos schon gar [...]

  6. Ho ho ho « Lipsia sagt:

    [...] wurde, so auch im Falle des „knalligen“ Abschiedsspiels der Sachsen-U23 oder der Ereignisse auf den Rängen eines Spiels zwischen dessen Nachfolge-Verein und dem Roten [...]

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