Gegen Ende seiner Antrittsvorlesung sprach der neue Honorarprofessor der Uni Leipzig, Peer Steinbrück (SPD, Bundesfinanzminister a.D., designierter Merkel-Herausforderer), davon, dass wir heute in einem “privilegierten Ausnahmezustand” leben würden. Wir, die junge Generation, die nur Wohlstand und Frieden kennt, in keinem “Dritte Welt”-Land ums Überleben kämpfen muss und die Jahrhunderte der Kriege in Europa nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Einen Ausnahmezustand stellte heute sicher auch das Geschehen rund um Hörsaal 3 dar. Privilegiert waren diejenigen, die einen Sitzplatz ergattern konnten.
Da ich die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, dass eine Steinbrück-Vorlesung durchaus den einen oder anderen interessieren könnte, war ich stolze 20 Minuten vor Beginn vor dem Hörsaal. Naiv wie ich bin, nahm ich an, dass ein Großteil der Studenten sowieso die Nachricht vom neuen bekannten Honororprofessor nicht wahrgenommen hatte. Also nochmal auf Toilette und dann einen schönen Platz sichern. Einen Platz durfte ich mir dann tatsächlich sichern, jedoch in einer der beiden meterlangen Schlangen, die aus beiden Türen von Hörsaal 3 herausragten. Das Problem an der Sache: Es ging nicht voran. Der Hörsaal (mit wie vielen Sitzplätzen? 500?) war voll. Man ahnte, warum Peer Steinbrück als Herausforderer der Bundeskanzlerin gehandelt wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sigmar Gabriel einen ähnlichen Ansturm ausgelöst hätte.
Die Hoffnung, irgendeinen Sitzplatz zu finden, hatte ich schon frühzeitig aufgegeben. Glücklicherweise verließen aller paar Minuten stets einige Menschen den Hörsaal, so dass die menschliche Schlange immer weiter in den Hörsaal hineinrückte. Als Peer Steinbrück dann das erste Mal zu sehen war (vermute ich zumindest, ich selbst konnte ihn nicht sehen), ragte die Schlange noch immer bis auf den Flur hinaus. Und immer wieder drängten sich mehr oder weniger berühmte Leute an mir vorbei. Zunächst war da beispielsweise die “Schwarze Witwe” (die u.a. auch schon hier, hier und hier anwesend war), die sich mit einer Selbstverständlichkeit ihren Weg durch die wartenden und stehenden Studenten bahnte, als ob sie ein besonderes Anrecht auf einen Platz in Sichtweite von Steinbrück hätte. Gut, wer weiß, vielleicht hat(te) sie das auch. Dann war da noch ein Herr, der mir verdächtig nach dem Finanzbürgermeister von Leipzig, Torsten Bonew, aussah. Der jedoch erkannte die Unmöglichkeit, noch durchzukommen, und drehte ab mit den Worten “Das ist halt eine Provinz-Uni”. Vermutlich durch den Seiteneingang hatte er dann aber doch noch zu seinem Platz gefunden.
Und dann ging’s auch schon los mit dem Mann, der eigentlich schon weg war von der Bildfläche. Ein Minister a.D., der zwar noch irgendwie im Bundestag vertreten war, dort bei wichtigen Abstimmungen aber sowieso permanent fehlte. Nun spielt er gegen Ex-Kanzler Helmut Schmidt Schach und “kann es” angeblich, und ist zumindest nun auch erst einmal Honorarprofessor an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig. Seine erste Amtshandlung: Gnade zeigen mit allen noch stehenden Personen, vor allem Studenten, und diese zu sich nach vorne aufs Podest einladen, wo sie doch Platz nehmen könnten. Und so setzte sich die lange Schlange tatsächlich noch in Bewegung und auch ich fand einen Sitzplatz im Gang. Ärgern dürften sich diejenigen, die in der Annahme, eh nichts mehr zu sehen und zu hören zu bekommen, enttäuscht wieder gegangen sind.
Und dann erzählte Steinbrück gut eine Stunde über Politik und Wirtschaft, Europäische Union und Immobilien-/Finanz-/Banken-/Wirtschafts-/Schuldenkrise, baute Anekdoten aus seinem Leben und ironische Anmerkungen mit ein, ohne dabei den Ernst der Thematik zu untergraben. Am Ende gab’s reichlich Applaus für einen Mann, der sich deutlich von einigen Leuten aus der Führungsriege der SPD unterscheidet. Beispielsweise von Andrea Nahles, die Argumente und Wortwitz durch Lautstärke zu kompensieren versucht. Oder Gabriel, der zwar gut zu formulieren weiß, aber meist nur dann, wenn es gegen den politischen Gegner geht. Oder Steinmeier, relativ beliebt in der Bevölkerung, aber schon einmal als Kanzlerkandidat gescheitert. Peer Steinbrück gehört zwar der abgewählten letzten Großen Koalition an, war aber vermutlich der einzige SPD-Politiker, den Angela Merkel sogar lieber im neuen Kabinett gehabt hätte als so manchen aus der FDP.
Also: Kann er’s? Einen Hörsaal füllen und begeistern? Oh ja. Die K-Frage für sich entscheiden? Schwer vorstellbar, dass nicht. Merkel ablösen? Nicht unwahrscheinlich. Ein guter Kanzler sein? Keine Ahnung. Zumindest scheint er mir einer der wenigen Politiker zu sein, in dessen Anwesenheit von “Politik(er)verdrossenheit” nichts zu spüren ist, auch weil er sein Publikum nicht unterschätzt und mit leeren Phrasen zulabert. Spätestens Ende Januar gibt’s Steinbrück dann an der Uni wieder in Aktion.
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10. Dezember 2011 um 11:20 |
Stand auch nur vor der Tür, habe mich dann aber für die Mensa entschieden. Kann er’s? Keine Ahnung. Aber Deine Einschätzung der restlichen Politiker stimmen weitestgehend mit meiner überein.
11. Dezember 2011 um 17:20 |
Schön, dass du’s geschafft hast. Hoffentlich habt ihr auch ein differenzierteres Bild der aktuellen Wirtschaftslage erhalten; ich finde sie zu undurchsichtig, um da noch eine Meinung zu haben.
Aber 500 Plätze sind zu »gemütlich« für so eine große Veranstaltung. Wann wird unser Audimax nur fertig? :(
11. Dezember 2011 um 23:38 |
Naja, ist schwierig, binnen einer Stunde ein differenziertes Bild der aktuellen Wirtschaftslage zu zeichnen. Am Ende lief es bei Steinbrück auf Solidarität (die Deutschland vor 20 Jahren auch erfahren hat) hinaus; darauf, dass so eine europäische Gemeinschaft der beste Schutz vor Kriegen wäre, wie sie in den letzten Jahrhunderten in Europa auf der Tagesordnung standen. (um ein Extrembeispiel zu nennen)
Ich fand das alles schon recht überzeugend, aber es war halt wirklich eine Antrittsvorlesung mit verschiedenen Facetten, nichts davon richtig tiefgründig. Hab ich aber auch nicht erwartet.
14. Dezember 2011 um 10:03 |
Dafür, das namentlich die SPD (Wortführer war damals ua. der Finanzminister NRWs, namentlich P. Steinbrück) einen großen Teil, wenn nicht sogar alle Finanzmarktliberalisierungsgesetze beschlossen hat, die heute so große Probleme bereiten, ist es mehr als zynisch, Anekdötchen zu erzählen.
Aber naja, Eulen der Minerva…
23. Dezember 2011 um 16:28 |
[...] die Kommentar-Diskussion mit David), Grönemeyer platzierte mal wieder ne Bombe in Leipzig und Peer Steinbrück sowie Beate Schücking beehrten die Uni (die eine mehr, der andere weniger dauerhaft) mit ihrer [...]