Zurück zu den Wurzeln

Direkt nach der Leipziger Stadtratswahl im Juni 2009 startete ich mein bislang langlebigstes eigenes redaktionelles Projekt im Internet: ein Lokalblog. Die Bloggerszene in Leipzig steckte damals noch in ihren Kinderschuhen. An den heutigen Platzhirsch Heldenstadt.de oder großartige Stadtteilblogs wie „Dunkel. Dreckig. Reudnitz.“ war noch lange nicht zu denken.

In den ersten Jahren widmete ich mich vor allem den Kinostarts in den lokalen Lichtspielhäusern, aktuellen Entwicklungen in den Leipziger Fußballstadien und einem bunten Strauß Leipziger Allerlei (Berichte von Rundgängen, Ein-Foto-Posts, Auswertungen von Podiumsdiskussionen, Besuche von Stadtratssitzungen, usw.). Nach einiger Zeit richtete sich der Fokus jedoch zunehmend auf Lokalpolitik sowie gesellschaftliche Ereignisse und Debatten. Der Oberbürgermeisterwahl Anfang 2013 und dem fremdenfeindlichen Protest gegen den geplanten Moscheebau in Gohlis widmete ich beispielsweise mehrere Artikel, darunter Vorberichte, Liveticker und Analysen.

Im Sommer 2014, nachdem innerhalb eines Jahres Europa-, Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahl über die Bühne gegangen waren, zog ich einen recht radikalen Schnitt. Aus dem Leipziger Lokalblog wurde ein AfD-Watchblog. Was genau mich dazu brachte, von nun an einer einzigen Partei meine volle Blogger-Aufmerksamkeit zu schenken, ist hier nachzulesen. Ein halbes Jahr später, viel früher als gedacht, ist es an der Zeit für den nächsten Schritt. Es ist gewissermaßen ein Schritt zurück.

Gestartet hatte ich das auf Sachsen fokussierte AfD-Watchblog, um herauszufinden, wo(für) die sogenannte Alternative für Deutschland (in diesem Bundesland) eigentlich steht. Trotz einiger rechtspopulistischer Forderungen und Äußerungen im Vorfeld der Landtagswahl 2014 war das – zumindest mir – nicht wirklich klar. Doch seitdem ist viel passiert.

Es dauerte gerade einmal drei Tage, bis die sächsische AfD zum ersten Mal mit einer Personalie in die Schlagzeilen geriet. Der Neu-Landtagsabgeordnete Detlev Spangenberg trat von seinem Amt als Alterspräsident zurück, nachdem Medien über seine Vergangenheit in Organisationen berichtet hatten, die bis ins rechtsextreme Spektrum hineinreichen. Die Leipziger AfD-Stadtratsfraktion machte Karl-Heinz Obser, ehemaliges Mitglied der rechtspopulistischen DSU, zum Geschäftsführer und Andreas Harlaß, vorher Autor bei der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“, wurde Pressesprecher der sächsischen Landtagsfraktion.

Die sächsische AfD suchte rasch die Nähe zur islamfeindlichen Pegidabewegung und der Vorsitzende des Leipziger Kreisverbandes Siegbert Droese, zudem Mitglied der nationalkonservativen „Patriotischen Plattform“, marschierte bei Legida mit – einer Bewegung, die schon vor ihrer ersten Kundgebung in Sachen Organisation und Inhalt deutlich radikaler auftrat als das Dresdner Original.

Landes- und Fraktionschefin Frauke Petry äußerte sich abwertend gegenüber Homosexuellen, in Dresden stimmte ein AfD-Ortsbeirat gemeinsam mit der NPD gegen die Umbenennung einer Straße nach einem Holocaustopfer und in Leipzig verharmloste ein AfD-Politiker den Nationalsozialismus, indem er die Antifa mit der SA gleichsetzte. Generell bestimmten sehr rasch scharfe Töne in der Asylpolitik und Warnungen vor einer extremistischen Gefahr insbesondere am linken politischen Rand das Erscheinungsbild der AfD in Sachsen.

Die bundesweite AfD ist derzeit durch einen Richtungsstreit zwischen einem wirtschaftsliberalen und einem nationalkonservativen Flügel gekennzeichnet. Ein halbes Jahr nach dem Einzug der AfD in den sächsischen Landtag besteht kein Zweifel daran, dass der sächsische Landesverband letzterem zuzuordnen ist. Seien es Homosexuelle, Flüchtlinge, Muslime oder schlicht der politische Gegner – immer wieder fallen AfD-Abgeordnete mit grenzwertigen und grenzüberschreitenden Äußerungen auf. Um das in der breiten Öffentlichkeit zu problematisieren, bedarf es jedoch keines Watchblogs (mehr), das schafft die unter verschärfter Beobachtung stehende sächsische AfD (mittlerweile) ganz allein.

Ich ziehe daraus die Konsequenz, meine AfD-Fokussierung zu beenden und mein Blog wieder für andere lokalpolitische Themen zu öffnen (für die es mir im Laufe dieser sechs Monate gelegentlich an einer geeigneten Plattform gemangelt hat). Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ich die AfD nicht weiter im Blick behalten werde (das ist schon allein deshalb ausgeschlossen, weil sich meine Masterarbeit mit ihr beschäftigen wird) – aber Leipzig hat mehr zu bieten.

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2 Antworten zu Zurück zu den Wurzeln

  1. David schreibt:

    Das freut mich, dass Lipsia nun wieder ganz zurück ist. Das breitere Spektrum interessiert mich wesentlich mehr, als hier immer nur über die Idiotien von Idioten lesen zu dürfen. Macht echt keinen Spaß, sich nur damit zu beschäftigen.

    Und natürlich hast du es dir nicht nehmen lassen, das mit einem neuen, traditionell düster gehaltenen Fotobanner zu feiern.

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