22 Prozent fehlen noch

FrauenkampftagFrauen in Deutschland sollen sich nicht so anstellen. Im weltweiten Maßstab sind sie den Männern relativ gleichgestellt. In nur elf von 142 Ländern, die der Global Gender Gap Report 2014 erfasst, ist die Gleichstellung der Geschlechter noch besser vorangekommen als in Deutschland. Außerdem hat der Bundestag am Freitag nach jahrelanger Diskussion endlich die sogenannte Frauenquote beschlossen, die nichts weniger ist als der – Zitat des Bundesjustizministers Heiko Maas – „größte Beitrag zur Gleichberechtigung seit Einführung des Frauenwahlrechts“.

Ähm, nun ja…

Wer Frauen in Deutschland tatsächlich für vollkommen oder annähernd gleichgestellt hält, ist entweder schlecht informiert oder antwortet auf #Aufschrei generell konsequent mit „Halt’s Maul!“. Um festzustellen, dass dem nicht so ist, reicht schon ein Blick in Artikel 3 des Grundgesetzes, dem zufolge Männer und Frauen gleichberechtigt seien, die „tatsächliche“ Durchsetzung der Gleichberechtigung jedoch (noch immer) vom Staat zu fördern sei. Es hilft aber auch ein Blick in die verschiedenen Statistiken, etwa jenen erwähnten Gender Gap Report, der gemäß zahlreicher Indikatoren für Deutschland eine Benachteiligung von Frauen um 22 Prozent ausweist, oder ein spezieller Blick beispielsweise in die Statistiken zum Arbeitsmarkt.

So bekommen Frauen derzeit im Schnitt deutlich weniger Geld für ihre Lohnarbeit als Männer. Dieser Unterschied ist seit Jahren konstant. Dafür gibt es natürlich Erklärungen: unterschiedliche Berufswahl, weniger Frauen in Führungspositionen, längere Auszeiten nach der Geburt eines Kindes. Aber macht es das besser? Wohl kaum.

Ein Beispiel zum Thema Führungspositionen: Etwa 60 Prozent der Studenten an der Uni Leipzig sind weiblich. Aber nur etwas mehr als die Hälfte der Promotionen kommt von Frauen. Noch deutlicher sieht es bei den Professorenstellen aus: 28 Prozent Frauen waren es im Jahr 2013 (nachzulesen in der November-Ausgabe von student!; Seite 2).

Über die Frauenquote in Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Für den Moment handelt es sich um Symbolpolitik. Dass der Justizminister diese als „Meilenstein“ bezeichnet, mag auch damit zusammenhängen, dass führende Unionspolitiker vor ein paar Monaten die Gangart wieder verschärften und die deutsche Wirtschaft durch in Aufsichtsräte strebende Frauen belastet sahen. Kleine Info am Rande: Im Aufsichtsrat des Flughafens Berlin-Brandenburg beträgt der Frauenanteil derzeit nur 20 Prozent. Man mag sich gar nicht ausmalen, welche Rückschläge dieses von Männern kontrollierte Vorzeigeprojekt mit mehr Frauen im Aufsichtsrat zwangsläufig verkraften müsste…

Statistiken sind selbstverständlich nur die Spitze des Eisberges, also das, was man/Mann nun wirklich nicht leugnen kann. Diskriminierung findet alltäglich in ganz unterschiedlichen Situationen statt und hängt häufig mit Rollenbildern zusammen, die mit Frauen (und Männern) in Verbindung gebracht werden. Ein Mann darf furzen, eine Frau hat schön und gepflegt zu sein. Die Frau an den Herd, der Mann ins Büro. Nackte Frauen in der Werbung sind grundsätzlich okay, und sei es für eine Packung Reis. Wer aufmuckt, ist prüde. „Du Mädchen/Muschi/Fotze“ ist eine angemessene Form der Beleidigung. Es mag – über mehrere Jahrzehnte betrachtet – einen gesellschaftlichen Wandel hin zum Besseren gegeben haben, aber abgeschlossen ist der noch lange nicht (siehe dazu auch die aktuelle Ausgabe der Wochenend-taz mit einem 15-seitigen Gespräch mit und über Frauen als Mutter, in den Medien, im Alter, usw. – ein kleiner Teil davon ist auch online).

Man könnte nun zynisch fragen, wie groß diese Probleme im Angesicht jener Probleme sind, die Frauen in anderen Staaten haben. In denen ein komplettes Abtreibungsverbot, selbst bei Lebensgefahr für die Schwangere, besteht. In denen Vergewaltigung straffrei bleibt, wenn die Männer ihr Opfer heiraten. In denen Frauen genital verstümmelt und Mädchen frühzeitig zwangsverheirat werden. In Staaten, in denen nicht nur Frauenrechte mit Füßen getreten werden, sondern die Frauen gleich mit. (Noch bis Dezember dieses Jahres läuft die Amnesty-Kampagne „My Body My Rights“.)

Sicherlich schrumpft vor diesem Hintergrund so manches Problem hierzulande arg zusammen. Aber wie im vorigen Absatz schon erwähnt, wäre eine gegenseitige Aufrechnung von Problemen, Gesetzeslücken und Diskriminierungserfahrungen genau das: zynisch. In Deutschland hinkt die Gleichstellung der Geschlechter noch immer hinterher. Und da man von hier aus leider nur sehr wenig gegen das Abtreibungsverbot in Irland oder anderswo ausrichten kann (bzw. nur mit großem Aufwand), ist es richtig und wichtig auf die eigenen Belange aufmerksam zu machen.

Heute, am Weltfrauentag/Frauenkampftag (auch bezeichnend: Frauen kämpfen an „ihrem“ Tag für ihre Rechte, Männer kämpfen an „ihrem“ Tag gegen den Brechreiz), geschah das auch in Leipzig, mit einer dreieinhalbstündigen Demo, ausgehend vom nach der Frauenrechtlerin Clara Zetkin benannten Park bis hin zum Südplatz, mit Zwischenkundgebungen auf dem Augustus- und Leuschnerplatz. Die verschiedenen Reden waren thematisch weit gestreut. Mal ging es um den aktuellen Aufschwung antifeministischer Bewegungen (beispielsweise die AfD), mal um Mobilisierung für Nolegida oder die Blockade der EZB. Auf der Abschlusskundgebung drehte es sich auch um den vollkommen zu Recht umstrittenen „Vergewaltigungsparagraphen“, der viel zu eng gefasst ist und deshalb Gerichte förmlich dazu zwingt, ganz offensichtliche Vergewaltiger freizusprechen, etwa wenn das Opfer aus Angst vor Gewalt oder wegen früherer Erfahrungen keine Gegenwehr leistet. Laut der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes geschehen übrigens allein in Deutschland mehrere hundert Vergewaltigungen täglich.

An der Demonstration nahmen nach Angaben der Veranstalterinnen 1.000 Personen teil. Tatsächlich dürften es einige hundert Menschen weniger gewesen sein. Vorneweg, so wurde es auf der Facebookseite der Veranstaltung auch angekündigt, marschierten Frauen. Im weiteren Demozug folgten aber auch sehr viele Männer, insgesamt dürfte ihr Anteil gut ein Drittel betragen haben. Die Stimmung schien trotz ernster Themen gut; durchweg waren kämpferische Parolen, adressiert u.a. an „Macker“ und „Patriarchat“, zu hören.

Dass aber selbst solch eine feministische Veranstaltung vor Mackern offenbar nicht ganz geschützt ist, zeigte sich gegen Ende der Veranstaltung. Einer Durchsage zufolge hatten sich mehrere Personen über Männer am Rande des Demozuges beschwert, die sich wohl in der Rolle des „Begleitschutzes“ sahen. Beim nächsten Mal, so die Bitte, mögen sie sich doch einfach mit einreihen. Denn: „Gemeinsam sind wir stark.“

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4 Antworten zu 22 Prozent fehlen noch

  1. NoPhotoCrew schreibt:

    Rene, hiermit wirst du zum ersten und letzten mal freundlich darauf hin gewiesen das du Fotos von Demos zu verpixxeln hast! Warum kannst du auf diversen Internetseiten nachlesen die sich mit der Thematik Fotos auf Demos beschäftigen, mögliche Repression sollte wohl reichen wie auch du dir sicher denken kannst. Sollte doch noch einmal bemerkt werden das du auch weiterhin nichts vom verpixxeln deiner Fotos hälts, musst du wohl bei zufälligen Begegnungen mit Nachdruck davon überzeugt werden und deine Kamera zur Sicherheit aller Genoss_innen beschlagnahmt werden.

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    • René Loch schreibt:

      Beschlagnahmung bedeutet, dass ich sie irgendwann wieder zurückbekomme, richtig? Ich frage nur, weil als Student/freier Journalist ist man finanziell ja nicht gerade auf Rosen gebettet…

      Was an dem Hinweis „freundlich“ sein soll, außer der Tatsache, dass er nicht an einem Stein gebunden durch mein Fenster geflogen kam, weiß ich übrigens nicht.

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  2. cleo kamenz schreibt:

    Wenn Kriminelle als die Erretter der Asylbewerber nicht fotografiert werden dürfen, weil diese auf jeder Fahndungsliste stehen, würde ich mal sortieren, so im Freudeskreis.
    Nicht bei Wegnahme der teuren Kamera behaupten, die bösen Legionellen hätten wieder mal einen Journalisten bedroht.

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