Die Ignoranz der Leipziger Volkszeitung

Am vergangenen Freitag lud die Leipziger Zeitung (LZ) anlässlich ihrer „Ausgabe Null“ zur Pressekonferenz. Erschienen waren zwei Blogger und ein Mitarbeiter der „Zeit“. Die größeren lokalen Medien ließen sich nicht blicken. Einige, zum Beispiel das Lokalradio „mephisto“, hatten bereits vor Monaten über das ambitionierte Projekt berichtet, andere, wie das monatlich erscheinende Stadtmagazin „kreuzer“, wünschten der vielleicht bald regelmäßig erscheinenden Wochenzeitung in ihrer Testausgabe auf einer halben Seite viel Erfolg. Von der Leipziger Volkszeitung (LVZ) hingegen, dem Platzhirsch in Leipzig, war nichts zu hören oder zu sehen. Im Gegenteil: Gegenüber dem Mediendienst „kress“ wollte sich die Verlagsgesellschaft Madsack, die u.a. die LVZ vertreibt, nicht zur geplanten Wochenzeitung äußern.

Das ist schon bemerkenswert. Während die Leipziger Volkszeitung, die täglich knapp 200.000 Exemplare verkauft, offenbar die Konkurrenz eines kleinen Nischenproduktes fürchtet, das bislang weniger als 700 Abonnenten vorzuweisen hat, würde der kreuzer, der sich durch die LZ viel stärker bedroht fühlen darf (nicht nur wegen möglicher Abwanderung von Lesern, sondern auch von Schreibern), die entstehende Vielfalt am Leipziger Zeitungsmarkt ausdrücklich begrüßen.

Würde man eingesperrt in der Wohnung sitzen müssen und nichts anderes als die gedruckte LVZ rezipieren dürfen, wüsste man nichts von der Existenz von Leipziger Internetzeitung (L-IZ), kreuzer, „Bild“ oder „Weltnest“. Man wüsste allenfalls von Berichten „einer Boulevardzeitung“ oder „im Internet“, wenn die LVZ mal andere Medienberichte aufgreift. Im Gegensatz zu Nazivokabular wie „Kinderschänder“ (Gruß an den Polizeireporter) stehen die Namen der Konkurrenz offenbar auf einem redaktionsinternen Index. Als mephisto und die Leipziger Hochschulzeitung „student!“, für die ich damals als Chefredakteur tätig war, im vergangenen Juni eine Pressemitteilung verschickten und darum baten, auf eine hochschulpolitische Diskussionsveranstaltung im Vorfeld der sächsischen Landtagswahl hinzuweisen, wurde dieses Anliegen natürlich ignoriert. Man sollte sich auch nicht wichtiger machen als man ist, aber wenn man mal einen Blick in die LVZ wirft und sieht, welche krümeligen (u.a. Partei-)Veranstaltungen dort teilweise berücksichtigt werden, dann wird schnell klar, dass die Nichtberücksichtigung unserer Veranstaltung wohl kaum mit (relativ gesehen) fehlender Relevanz begründet werden konnte.

Der MDR hingegen ist übrigens überregional genug, um namentlich erwähnt werden zu können. Wenn sich allerdings ein amtierender, mittlerweile ehemaliger, LVZ-Chefredakteur für den Posten des Intendanten bewirbt, so wie das der unbeliebte Bernd Hilder 2011 getan hat, dann hat das für die Medienseite natürlich wieder keine Relevanz. Vor allem dann nicht, wenn Hilder krachend scheitert.

Sicherlich ist die LVZ nicht das einzige Medium weltweit, das in eigener Sache oder bezüglich der Konkurrenz nur zurückhaltend berichtet. Das ist in meinen Augen jedoch keine Entschuldigung. Wenn man den Anspruch pflegt, für die eigene Leserschaft potentiell die einzige lokale Informationsquelle zu sein, dann gehören solche Berichte oder die konkrete Benennung von Medien meiner Ansicht nach dazu.

Die hier genannten Beispiele mögen ärgerlich und eine gute Erklärung dafür sein, warum die LVZ unter Leipziger Journalisten vielleicht noch unbeliebter ist als die „Bild“, eine darüber hinaus gehende Bedeutung besitzen sie jedoch nicht. Anders verhält es sich mit einem aktuellen Beispiel, das die L-IZ und deren Redakteur Martin Schöler betrifft.

Der wurde kürzlich Opfer einer perfiden Kampagne aus rechtsextremen Kreisen. Da sich der vermeintliche Fahndungsaufruf wegen angeblicher sexueller Belästigung von Kindern über die sozialen Netzwerke rasch verbreitete, entschied sich die L-IZ dazu, an die Öffentlichkeit zu gehen, einerseits um rechtliche Schritte anzukündigen und andererseits, um die Angelegenheit richtigzustellen. In den folgenden Tagen griffen die Lokalausgabe der „Bild“, Vice, Huffington Post, Focus-Online, N-TV, Cicero, Spiegel-Online und vielleicht noch einige andere mehr die Geschichte auf; nicht nur, um eine Gegenöffentlichkeit zu dieser Kampagne zu schaffen, sondern auch, um diese Aktion in eine Reihe mit jüngeren Angriffen auf die Pressefreiheit zu setzen, seien es Todesanzeigen, Hausbesuche oder tätliche Attacken mit Steinen.

Das alles interessiert die Leipziger Volkszeitung natürlich nicht. Mit einem Bericht über dieses Thema hätte sie sich mit dem Journalisten solidarisiert, zahlreichen desinformierten Leipzigern, die das Plakat über Freunde von Freunden von Neonazis auch zu Gesicht bekommen haben, die Wahrheit erklärt und nicht zuletzt den generellen Trend zur Einschüchterung von kritisch berichtenden Pressevertretern weiter in den Blickpunkt gerückt. Die Story wäre für sich genommen schon relevant gewesen, durch den rechtsextremen Hintergrund wird sie aber erst richtig brisant, schließlich geht es hier um die Bedrohung der freien Berichterstattung, ohne die eine Demokratie nicht funktioniert. Dass die LVZ das Thema dennoch nicht aufgriff, konnte deshalb eigentlich nur zwei Ursachen haben: ein intensiver Tiefschlaf der kompletten Redaktion (das wäre „nur“ peinlich) oder ein bewusstes Verschweigen, weil es die Konkurrenz betrifft (unentschuldbar).

Mittlerweile bleibt jedoch nur noch Erklärung Nummer zwei übrig. Denn vor einer Woche habe ich der Lokalredaktion eine Mail geschickt und um eine Antwort auf die Frage gebeten, warum darüber nicht berichtet wird. Auf die Antwort warte ich immer noch. Nicht mal ein „Interne Angelegenheiten kommentieren wir nicht“ war drin.

Die Ignoranz in der Führungsebene der Leipziger Volkszeitung stinkt zum Himmel.

Offenlegung: Ich schreibe seit August 2015 für die L-IZ und seit September 2015 für die Leipziger Zeitung. Als dieser Artikel entstand, war das noch nicht absehbar.

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9 Antworten zu Die Ignoranz der Leipziger Volkszeitung

  1. Welcher Kreuzer-Leser soll denn zur LVZ abwandern???

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    • René Loch schreibt:

      Nicht zur LVZ, sondern zur LZ. Sie haben da wohl ein „V“ gelesen, wo kein’s ist. (Und bestätigen mich in meiner Annahme, dass die Wahl des Namens für die Wochenzeitung eher unglücklich war.)

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  2. Matthias schreibt:

    Nicht jedes Medium in Leipzig muss sich (ausschließlich) über sein Verhältnis zur Konkurrenz definieren. ;-)

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    • René Loch schreibt:

      Mir fällt es ehrlich gesagt schwer, mit diesem Kommentar etwas anzufangen. Geht es auch etwas ausführlicher und mit konkreten Aussagen statt nebulösen Andeutungen? Dann antworte ich gerne (ausführlich) darauf.

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  3. redaktion907 schreibt:

    Im konkreten Fall der Leipziger Zeitung ist durchaus verständlich, dass niemend von der LVZ zur Pressekonferenz kommt. Die Macher der LZ haben die LVZ von Beginn an als Feindbild hingestellt und schon in einem frühen Statement behauptet: „Die LVZ ist am Ende.“ Warum sollte solch eine Leiche bei der Konfirmation der aufstrebenden, neuen Qualitätsjournalisten erscheinen? Zumindest in diesem speziellen Fall verstehe ich die Beschwerde nicht.

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    • René Loch schreibt:

      Dass niemand bei der PK war, ist für mich nun auch das geringste Problem. Das allein ist sicher kein Grund zur Skandalisierung. Da war ja wie gesagt auch kein anderes größeres Lokalmedium anwesend. Mir geht es um den Umgang mit anderen Lokalmedien im großen Ganzen und das betrifft Anfragen, die nicht beantwortet werden, Themen, über die nicht berichtet wird, obwohl sie eigentlich berichtenswert wären, und einige andere hier nicht erwähnte Dinge, die ich aus „Hintergrundgesprächen“ oder persönlicher Erfahrung heraus weiß.

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    • David Plotzki schreibt:

      Stolz spielt hier keine Rolle. Dieses mag das lapidarste Beispiel gewesen sein, aber auch hier hätte eine große Lokalzeitung, die hohe Ansprüche an sich selbst und die Zufriedenheit der Leser stellt, zumindest eine Meldung verfasst. Informationsfilterung mit Gewicht auf Eigeninteresse hat nichts mit Journalismus zu tun und macht die Zeitung letztlich auch unattraktiv.

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  4. totes holz schreibt:

    Die LVZ ist so souverän wie ihre Kernzielgruppe – Kleinbürger mit Hang zu Besitzstandswahrung, manchmal Fremdenfeindlichkeit und meist einem latentem Opferkomplex. Abgesehen von denen, die sie nicht mehr lesen, aber sich vor ihren Nachbarn zu sehr schämen würden, um sie abzubestellen, weil „Zeitung lesen“ (egal welche) bei den Suburbia-Einfamilienhäuslern ja häufig noch als zivilisatorische leistung durchgeht. Ignorier sie doch einfach, statt dich zu ärgern, lieber René.

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    • René Loch schreibt:

      Würde ich sie ignorieren, würde ich ja nichts anderes machen als das, was ich ihr gerade vorwerfe. :-) Davon abgesehen lesen das hier vermutlich größtenteils Nicht-LVZ-Abonnenten und die sollten schon wissen, ob die LVZ einfach nur eine schrumpfende Lokalzeitung mit den zwangsläufigen Stärken und Schwächen ist oder darüber hinausgehend Dinge falsch macht, die man unter keinen Umständen falsch machen sollte. Letzteres ist in der Causa M.S. ja leider der Fall.

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