Legida und der Tag der Verlierer

01Eigentlich besteht für alle Beteiligten Grund zur Freude: Die gesellschaftlichen Rückwärtsdreher, die sich als Legida tarnen, durften zum zehnten Mal durch Leipzig laufen und dabei große Teile des Ringes in Beschlag nehmen, die Gegenproteste fanden zunächst per Demo durch die Innenstadt und später in wenigen Metern Entfernung von Legida statt, die Polizei konnte beides gewährleisten und die Stadt ist – anders als es einige nach dem „Lasst es richtig krachen“-Aufruf auf Indymedia offenbar vermuteten – nicht in Schutt und Asche gelegt worden. Tatsächlich jedoch kennt der zurückliegende 20. April in guter historischer Tradition fast nur Verlierer.

Anmerkung: Eindrücke von der gestrigen Diskussionsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema „Mit Sicherheit in Leipzig leben“ finden sich gegen Ende des Textes. Polizeipräsident Bernd Merbitz zählte zu den Mitdiskutanten und Thema waren u.a. die Legidademos.

Zunächst die nüchternen Fakten: Legida hatte über Ostern und am vorletzten Montag, an dem Lutz Bachmann zur Großdemo mit Geert Wilders nach Dresden rief, eine Pause eingelegt. Die für vorgestern ursprünglich geplante Route zwischen Richard-Wagner-Platz und Neuem Rathaus war von der Stadt zunächst verboten, per Gerichtseilentscheid dann jedoch wieder erlaubt worden. Nach meiner Schätzung und der eines Kollegen vom Radio folgten maximal 500 Leute dem Aufruf; beim kreuzer und MDR sieht man es ähnlich; das Soziologenteam der Uni Leipzig kommt jedoch auf 500 bis 600 Personen – einen Negativtrend markieren diese Zahlen in jedem Fall. Während des Aufmarsches wurden die Legidateilnehmer mit Böllern, Bengalos und Silvesterrakete attackiert, laut Polizei auch mit Steinen und Farbbeuteln. Bei diversen Versuchen der Gegendemonstranten, Sitzblockaden zu errichten, kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und Verletzungen. Insgesamt sollen Montagabend nach Angaben der jeweils betroffenen Seite etwa 50 Polizisten sowie Legida- und Nolegidateilnehmer verletzt worden sein; nachprüfbar sind die Zahlen freilich nicht.

02Die Stadt

Vor allem in der Anfangszeit von Legida kam es mehrmals zu Beauflagungen und Verboten von Demos verschiedener Seiten. Mal durfte der Gegenprotest nicht an gewünschter Stelle stattfinden, mal wurde Legida auf eine stationäre Kundgebung beschränkt oder – wie am 9. Februar – gleich ganz verboten. Bei Legida wurde dies mit fehlenden Polizeikräften begründet und bei Nolegida mit einer zu geringen räumlichen Distanz zur Legidaroute. In jüngerer Vergangenheit gab es solche Einschränkungen jedoch nicht mehr (was vor allem daran liegt, dass Gegenproteste in Hör- und Sichtweite wegen mutmaßlich geringer Erfolgsaussichten kaum mehr angemeldet wurden).

Anders diesen Montag: Weder die von Legida gewünschte Strecke mit Start am Richard-Wagner-Platz noch die von Legida vorgeschlagene Alternativroute zwischen Simsonplatz und Gottschedstraße wurde genehmigt. Das Ordnungsamt der Stadt Leipzig begründete seine Entscheidung mit zu erwartenden Umsatzeinbußen für Innenstadthändler (insbesondere in den Höfen am Brühl) in Höhe von 50 bis 70 Prozent, in den „relevanten Stunden“ sogar bis zu 90 Prozent. Zudem befindet sich in der Gottschedstraße ein Mahnmal für die Opfer der Novemberpogrome 1938, an dem „am Geburtstag Adolf Hitlers“ der Aufzug von Legida inklusive „Mitgliedern des rechten Spektrums“ vorbeigeführt hätte. Die Stadt wollte Legida deshalb nur zwischen Simson- und Augustusplatz laufen lassen.

Dagegen klagten die Islamfeinde vor dem Verwaltungsgericht und bekamen im Wesentlichen Recht. Die Gottschedstraße blieb jedoch weiterhin No-Go-Area, weil die dort parkenden Autos nach Ansicht des Gerichts den Weg versperren würden. In jedem Fall konnte Legida einen PR-Coup landen und seinen Anhängern den vermeintlichen Beweis erbringen, dass sich die Stadt ihnen gegenüber nicht neutral verhält. Jener wiederum ist insofern ein Vorwurf zu machen, dass sie mit ihren Auflagen dafür überhaupt die Vorlage geliefert hat, obwohl für sie wohl abzusehen war, dass die Einschränkungen einer richterlichen Überprüfung nicht standhalten würden.

Viel schwerwiegender jedoch erscheint die Entscheidung, zwei Gegenkundgebungen von „Leipzig nimmt Platz“ (LNP) nicht zu genehmigen (in einer Erklärung des Ordnungsamtes klingt es gleichwohl eher danach, als hätte man sich „gemeinsam“ und „einvernehmlich“ auf einen anderen Standort verständigt). Das Aktionsnetzwerk wollte Demos am Roßplatz und Wilhelm-Leuschner-Platz, also entlang der Legidaersatzroute, anmelden. Das Ordnungsamt begründete die negative Reaktion nicht nur mit der weiterhin gültigen „Leipziger Erklärung“, also einer „Verhinderungsabsicht gegenüber Legida“, sondern auch mit dem Aufruf auf Indymedia.

Wie stark dieser Aufruf in den Überlegungen des Ordnungsamtes eine Rolle spielte, ist schwer zu beurteilen. Dass er es überhaupt tat, erscheint jedoch äußerst fragwürdig. Erstens könnte selbst Geert Wilders auf Indymedia einen solchen Artikel einstellen (ich möchte nicht spekulieren, aus welcher Ecke er kommt, nur darauf hinweisen, dass es nicht zwangsweise den Gegenprotesten nahe stehende Kräfte sein müssen). Zweitens heißt es im Aufruf: „Scheißt auf die Demos und angemeldeten Kundgebungen“ – Wenn man diesen Text also ernst nimmt, dann muss man auch feststellen, dass explizit dazu aufgerufen wird, eben nicht im Umfeld einer solchen von LNP angemeldeten Veranstaltung in Erscheinung zu treten. Und drittens scheint die Verhältnismäßigkeit nicht zu stimmen, wenn wegen der Gewaltandrohung einer einzelnen oder weniger Personen gleich das Demonstrationsrecht von hunderten anderen Menschen eingeschränkt wird. Zumal die Polizei ja selbst jede Woche darauf hinweist, dass Personen die Auseinandersetzung mit ihr suchen würden – unabhängig davon, ob das vorher im Internet angekündigt wird oder nicht.

Legida

Es geht aufs Ende zu. Konnten die, deren Name nicht genannt werden darf, weil er sich aller paar Wochen ändert, im März noch stets an die 1.000 Leute auf den Augustusplatz mobilisieren, ist nun ein vorläufiger Tiefststand erreicht. Trotz relativ attraktiver Route und gleichzeitiger Pause in Dresden fanden sich nur noch um die 500 Teilnehmer ein. Der Rechtsruck setzt sich ungehindert fort, sei es das Personal auf der Bühne, seien es die Fahnen und Schriftzüge im Publikum. Und zu allem Überfluss war am Montag nicht nur die Hörerschaft braun, sondern dank gut verdauender Polizeipferde auch die Demoroute.

Legida läuft. Aber kaum jemanden interessiert’s. Vermutlich wird auch der für nächste Woche angekündigte Auftritt von Lutz Bachmann daran nicht viel ändern.

04No Legida

Wie schon bei den vergangenen Kundgebungen im März starteten die Montagsaktivitäten von No Legida mit einer „Refugees Welcome“-Demo, die diesmal durch große Teil der Innenstadt verlief (und damit im Übrigen weit mehr Menschen erreichte als die Demo derer, gegen die sie protestierten). Vor Beginn der Kundgebung wurde der Demoaufruf verlesen, der im Kern Kritik an all jenen übt, die am 12. Januar zu tausenden die Straßen bevölkerten, um den Ruf Leipzigs als weltoffene Stadt zu verteidigen, spätestens ab Mitte Februar jedoch zu Hause blieben. Damit dürften vor allem Kirchen, Gewerkschaften und Parteien gemeint sein. Gemeint sein müssten aber auch Studenten, die in den ersten Wochen einen großen Block stellten, sich seitdem aber – gerade auch in Anbetracht des Potentials in dieser Stadt – ziemlich rar gemacht haben. Über die Gründe für den Abschwung hatte ich mir schon Anfang März an anderer Stelle ein paar Gedanken gemacht – geändert hat sich seitdem nicht viel.

Fakt ist: Das Kernziel eines großen Teils der verbliebenen Protestler, einen Aufmarsch von Rassisten zu verhindern, wurde auch diese Woche wieder verfehlt. Versuche, frühzeitig auf die Strecke von Legida zu gelangen, waren vorhanden, hatten aber erneut nicht ansatzweise Aussicht auf Erfolg. Ein Teilerfolg ist immerhin darin zu sehen, dass die Mischung aus anhaltendem friedlichem Protest sowie tatsächlicher und drohender/angedrohter „Militanz“  dafür sorgt, dass Legida trotz guter Innenstadtlage quasi abgeschirmt vom Rest der Welt marschiert. Ob das die Wahl der Mittel rechtfertigt, muss wohl jeder für sich entscheiden.

Ohne allzu tief in die leidige Gewaltdebatte zu versinken, möchte ich an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, dass die Formen von Gewalt vielfältig sind: Sie reichen von physischer Gewalt wie Körperverletzung und Sachbeschädigung über psychische Gewalt wie Beleidigung und Diskriminierung bis hin zu struktureller und Staatsgewalt (also etwa die Anwendung „unmittelbaren Zwangs“ durch Polizisten, staatlich „geförderte“ Ausgrenzung ganzer gesellschaftlicher Schichten durch z.B. die Hartz-Gesetzgebung oder schlicht die Wahl von Volksvertretern durch die Staatsbürger). Allein der Begriff der „Gewaltenteilung“ verdeutlicht, dass Gewalt weit mehr ist als – um es mal auf den Punkt zu bringen – ein Schlag in die Fresse. Wer sich undifferenziert gegen jegliche Gewalt ausspricht, ist – wenn man es ganz genau nimmt – ein Gegner des Grundgesetzes.

Zurück zum Thema: Ich halte es für nicht gerechtfertigt, Menschen mit Böllern, Steinen oder Raketen zu beschießen. Diese Form der Gewalt kann Schäden hinterlassen, die nicht mehr zu reparieren sind, und ist deshalb für mich mit der Unverletzbarkeit der Würde eines jeden Menschen nicht vereinbar. Die Art der Gewalt, die von Legida ausgeht (Diskriminierung), kann durch die Gewalt einiger Gegner (Körperverletzung) sowieso nicht beseitigt werden. Nicht in dem gesellschaftlichen Gesamtkontext, in dem wir heute leben.

By the Way: Die am Montag gezündete Rakete rauschte deutlich am Legidazug vorbei und hätte – wäre sie niedriger geflogen – wohl in erster Linie Journalisten getroffen. Auch die Böller oder Glasflaschen, die hin und wieder fliegen, gefährden in erster Linie Journalisten. Die Urheber dieser Aktionen wählen also nicht nur die falschen Mittel, sondern sind offensichtlich außerdem nicht dazu in der Lage, sie „zielgerichtet“ einzusetzen. Für mich sind das Vollidioten.

Das führt mich zum letzten Punkt.

05Die Polizei

Es gibt viele gute Erklärungen dafür, warum Polizisten im Einsatz manchmal zu unverhältnismäßigen Mitteln greifen (müssen): hohe Arbeitsbelastung, schlechte Planung (gerade wenn sich wenige Stunden vor Beginn einer Veranstaltung noch die Route ändert), das spontane Reagierenmüssen auf Extremsituationen, usw. Dass man als Aktivist dann auch mal etwas härter angefasst wird oder als Journalist zwischen die Fronten gerät und somit zum Leidtragenden einer polizeilichen Maßnahme wird, halte ich für fast unumgänglich. Wenn Polizei, Demonstranten und Medien aufeinandertreffen, treffen automatisch auch teils widersprüchliche und mit körperlichem Einsatz ausgetragene Interessen aufeinander – das führt zwangsläufig zu Reibungspunkten.

Wozu das jedoch nicht führen darf, sind Szenen, wie sie am Montagabend – wieder einmal – zu beobachten waren. Schon im Januar hatte es teils scharfe und medial erstaunlich weit verbreitete Kritik an der Polizei gegeben (auch meinerseits: hier und hier): Mal ging es um Angriffe auf Journalisten, die entweder von Polizisten nicht unterbunden oder sogar selbst ausgeübt worden, mal um unverhältnismäßige Gewalt gegen No-Legida-Leute und merkwürdige Prioritätensetzungen, mal auch um viel zu hoch gegriffene Teilnehmerzahlen bei Legida. Seitdem gab es im Nachgang der Legidademos immer mal wieder Kritik, nicht zuletzt aufgrund des weitgehend friedlichen Verlaufs der jüngsten Pro-und-Gegen-Demos aber eher leise.

Das hat sich diese Woche geändert. Ob Linksjugend, Grüne, kreuzer, LNP oder Demobeobachtungsgruppe – Kritik am rabiaten Vorgehen der Polizei kommt von vielen (tendenziell linken) Seiten. Die zentrale Koordinationsseite sämtlicher Gegenproteste, No Legida, denkt sogar darüber nach, zukünftig nicht mehr zur Teilnahme an Demos aufzurufen – der Sicherheit wegen. Was genau ist passiert?

Zunächst gab es den Versuch einiger Dutzend Teilnehmer der „Refugees Welcome“-Demo, kurz vor dem Erreichen des Burgplatzes auf den Innenstadtring und somit die Legidaroute zu gelangen. Das wurde von der Polizei unterbunden. Die Aktion war nach etwa zwei Minuten vorbei. Unverhältnismäßige Gewalt konnte zumindest ich an dieser Stelle nicht wahrnehmen – mit einer Ausnahme, dazu später mehr.

Anders die Szenerie kurz vor 19 Uhr auf der großen Kreuzung vorm Neuen Rathaus. Wer sich – so wie ich und zahlreiche Polizisten – dort aufhielt, konnte klar und deutlich erkennen, dass sich aus Richtung Moritzbastei eine größere Gruppe Menschen im Anmarsch befand. Man konnte auch mutmaßen, dass diese Leute nicht ins Rathaus marschieren würden, um sich mit Infoflyern einzudecken, sondern eben jene Kreuzung anpeilten. Obwohl der Polizei genügend Zeit blieb, sich auf diese Situation einzustellen, wartete sie ab, bis sich etwa 30 Personen auf der Kreuzung eingefunden hatten und Platz nahmen. Erst dann wurde sie aktiv.

Im Sächsischen Polizeigesetz heißt es: „Unmittelbarer Zwang ist vor seiner Anwendung anzudrohen.“ Das gilt nicht, wenn eine „gegenwärtige Gefahr“ abgewehrt werden muss. Eine „gegenwärtige Gefahr“ war in dieser Situation aber nun wirklich nicht zu erkennen. Wenn überhaupt bestand eine Gefahr für die Sitzblockierer durch den Straßenverkehr. Aber selbst mit dieser Begründung wäre es sinnvoller gewesen, den Verkehr mit wenigen Beamten einfach vorübergehend zu stoppen. Stattdessen jedoch griffen mehrere Polizisten umgehend zu Pfefferspray oder CS-Gas (in meinem Umfeld meinte man, es sei letzteres) und deckten sämtliche Personen, die auf dem Boden saßen, damit ein – teilweise aus wenigen Zentimetern Entfernung zum Gesicht. Zusätzlich bekamen die Sitzenden Schläge und Tritte ab (damit ist nicht dieser Fall gemeint).

Unter keinen Umständen war es in dieser Situation verhältnismäßig, diese Leute auf diese Weise zu verletzen. Dass in dem Moment auch noch Polizisten auf Pferden durch die Menge ritten, ist im Prinzip purer Wahnsinn. Verschiedenen Berichten zufolge, für die es allerdings keine Belege gibt, wurden dabei ebenfalls Menschen verletzt.

Und zu guter Letzt: Polizei und Presse. Während des ersten Blockadeversuchs wurde ein Fotograf unverhältnismäßig hart angegangen, auch nachdem für den Polizisten schon längst klar sein musste, dass er nicht zu den Demonstranten gehört und die Situation lediglich dokumentiert. Einer Kollegin vom kreuzer wurde nach eigenen Angaben an den Hals gegriffen. Und für mich persönlich ergab sich folgende Szene:

Nachdem ich im Anschluss an die geschilderte Szene nahe der Kreuzung stand und mit meinem Smartphone fotografierte, trat ein Polizist an mich heran: „Was wird das?“ Ich verwies auf den um meinen Hals baumelnden Presseausweis und erklärte, ich würde Fotos machen. Dass ich dies mit einem Smartphone und nicht mit einer 1.000-Euro-Profi-Ausrüstung tat, erweckte offenbar Misstrauen. Der Polizist warf nun einen ganz genauen Blick auf meinen Presseausweis, betrachtete ihn mithilfe eines Kollegen von allen Seiten und schlussfolgerte schließlich: „Den hast du(!) selbst gemacht.“

Im Vergleich zu womöglich schweren Verletzungen ist das natürlich harmlos. Aber es zeigt, welch bedenkliche Machtfülle Polizisten in solchen Situationen besitzen und mit welcher Willkür sie potentiell die Pressefreiheit mal eben aushebeln könnten, ohne dass ich mich in dem Moment effektiv dagegen wehren könnte – einfach nur, weil ihnen irgendein Gesicht nicht passt oder jemand nicht so aussieht, wie ein Journalist ihrer Meinung nach aussehen sollte. Das gilt natürlich analog auch für das Versammlungsrecht etc. von „einfachen Bürgern“.

Trotzdem…

03Die Diskussion

… reagiert Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz bei eingangs erwähnter Diskussionsveranstaltung auf die Frage einer No-Legida-Teilnehmerin bezüglich einer Kennzeichnungspflicht folgendermaßen: „Ich bin dafür, dass Polizisten Namensschilder tragen, wenn Demonstranten das auch tun.“

Diese Antwort ist natürlich Unfug, fast schon dreist. Erstens müssen sich Demonstranten auf Verlangen ausweisen – im Gegensatz zu Polizisten, die das im Übrigen häufig selbst dann nicht tun, wenn sie es laut Polizeigesetz eigentlich müssten: etwa gegenüber Betroffenen einer polizeilichen Maßnahme. Zweitens geht die Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht nicht automatisch mit der Forderung nach Namensschildern einher – vielen würde auch eine Nummer reichen, die eine klare Zuordnung ermöglicht. Drittens sind Polizisten Teil der Staatsgewalt und somit steht ihr Handeln im Besonderen im öffentlichen Interesse – im Gegensatz zu dem, was ein einfacher Demonstrant veranstaltet. Wenn die Polizei nicht richtig funktioniert, dann funktionieren auch Staat und Gesellschaft in Teilen nicht richtig. Für die Öffentlichkeit ergibt sich daraus ein überragendes Interesse daran, Fehlverhalten ihrerseits aufzuklären und auf ein Vermeiden hinzuwirken. Eine Kennzeichnungspflicht erleichtert das. Viertens begegnen sich Polizei und Demoteilnehmer ja nicht ansatzweise auf Augenhöhe – der eine hat im Prinzip unbegrenzte Rechte, irgendwelche Maßnahmen anzuwenden (die entsprechenden Gesetze sind sehr schwammig formuliert, so dass sich fast alles irgendwie rechtfertigen ließe, zumal in letzter Konsequenz Gerichte eher auf Seiten der Polizei stehen), der andere muss darauf hoffen, nicht mit einer Ladung Pfefferspray bedacht zu werden, sobald er sich in rechtliche Grauzonen begibt. Fünftens existiert für Teilnehmer einer Demo ein Vermummungsverbot. Für Polizisten gilt das nicht.

So etwas könnte man in dieser Breite natürlich mal diskutieren. Aber leider nur, wenn Bernd Merbitz nicht anwesend ist. Der oberste Polizist Leipzigs gibt sich als Mann des Volkes (vermutlich ist das gar nicht mal gespielt), beantwortet Fragen des Diskussionsleiters auf zahlreichen Umwegen in ausschweifender Länge (bis zu 15 Minuten) und neigt dazu, auf knifflige Fragen mit polemischen Gegenfragen zu antworten. Das macht Diskussionsveranstaltungen mit ihm durchaus amüsant, verhindert aber jeden Erkenntnisgewinn.

Gestern Abend sollte es eigentlich um Kriminalität, Gewalt, Sicherheit und Versammlungsgeschehen in Leipzig gehen. Das wäre eine ausgezeichnete Möglichkeit gewesen, darüber zu diskutieren, welches polizeiliche Handeln angemessen ist, wie sich ein Demoverbot allein wegen eines anonymen Aufrufs im Internet rechtfertigen lässt, usw. Doch dazu fehlte es erstens am Willen des Podiums und zweitens am richtigen Publikum. Wenn eine No-Legida-Aktivistin zahlreiche Leute aus dem Legidaumfeld erkennt und ein Großteil der Anwesenden (alte Männer) für die implizite Forderung nach Stockschlägen für Graffitisprayer Beifall klatscht – dann muss man eine Diskussion über Polizeigewalt (grundsätzlich ein neutraler Begriff, ich erinnere an den entsprechenden Absatz zum Thema) tatsächlich gar nicht erst beginnen.

Merkwürdig mutete auch die Zusammensetzung des Podiums an: Polizeipräsident und Ordnungsbürgermeister, von denen allzu viel Kritik in eigener Sache kaum zu erwarten war, der Chef der Leipziger SPD (wird von manchen im rechten Parteiflügel verortet, er selbst sieht das nicht so) sowie ein CDU-Stadtrat, der der Behauptung, Jürgen Kasek und Juliane Nagel würden einer „kriminellen Vereinigung“ angehören, Applaus spendete. Eine Person, die sowohl den Positionen von Stadt und Polizei als auch einer „Law & Order“-Politik hätte Contra geben können, fehlte allerdings. Natürlich kann man eine Podiumsdiskussion trotzdem führen. Wirklich Sinn macht’s dann aber – abgesehen von der Selbstvergewisserung – nicht.

Einen Gewinner gibt’s doch noch

Lok Leipzig genießt unter Linken keinen allzu guten Ruf. Ein Naziverein sei das, sagen viele. Abende wie der vorgestrige scheinen das zu bestätigen, wenn Legidapublikum mit Lok-Jacke zu sehen ist und Organisator Silvio Rösler Geleitschutz durch „Sportfreunde von Lok“ ankündigt.

Seitdem das neue Präsidium im Amt ist, scheint sich der Verein jedoch zunehmend von diesem Image zu befreien (/befreien zu wollen). Dass ein bedenklicher Anteil an Zuschauern noch immer rechtslastig ist, lässt sich einerseits kaum leugnen und andererseits auch nur schwer verhindern. Die Vereinsoberen haben in der jüngeren Vergangenheit jedoch mehrmals mit Stadion- und Gruppenverboten auf rechtsextreme Vorfälle reagiert. Und auch diesmal ließ eine Reaktion nicht lange auf sich warten und wurde mit „Lok Leipzig wehrt sich gegen Legida“ unmissverständlich betitelt. In den sozialen Medien gibt’s einige Anhänger, die das gar nicht gut finden. Soweit sich das beurteilen lässt scheint die große Mehrheit den Kurs der Vereinsführung jedoch zu unterstützen.

Bleibt abschließend eigentlich nur noch eins festzuhalten: In fünf Tagen ist – auch zum Leidwesen von Garfield – wieder einmal Montag.

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2 Antworten zu Legida und der Tag der Verlierer

  1. David Plotzki schreibt:

    Bei der angesprochenen Podiumsdiskussion hatte ich Bernd Merbitz erstmals live erlebt. Von einem Polizeipräsidenten erwarte ich Vernunft, Sachlichkeit und auch politische Objektivität, zumindest solange er in seiner Funktion auftritt. Merbitz hat sich mir eher als populistischer Hitzkopf präsentiert, der auf Fragen nicht präzise antworten kann (oder will). Vielleicht sollte man ihn zu solchen Diskussionen auch nicht mehr einladen: viel kann er ja irgendwie nicht beitragen, und letztlich sollte er in seiner Funktion keine Meinung im eigentlichen Sinne haben, sondern vielmehr über die Tätigkeit der Polizei informieren und Sachverhalte erklären, statt sie zu überspielen.

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