Eine weltoffene Uni mit offen rechten Mitarbeitern

Ein Mitarbeiter der Universität Leipzig tritt als Redner bei Legida auf. Die Unileitung distanziert sich anschließend von ihm.

Die Universität Leipzig gibt sich – genau wie die Stadt, in der sie steht – gerne weltoffen, international und tolerant. Für einen großen Teil der derzeit etwa 5.000 Mitarbeiter und 28.000 Studenten (davon mehr als 3.000 aus anderen Ländern) mag das auch sicherlich zutreffen. Das zeigt beispielsweise die große Beteiligung von bis zu 10.000 Personen an der ersten studentischen Kundgebung gegen Legida am 12. Januar. Im Leitbild der Universität (PDF) heißt es zum Thema Weltoffenheit: „Dieser Charakter bestimmt die Atmosphäre des Lebens und Arbeitens an der Universität.“ Und weiter: „Alle Universitätsangehörigen sind […] dem Wohl der Menschen verpflichtet.“

Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um eine rechtliche, sondern um eine moralische Verpflichtung – die scheinbar doch nicht für alle gilt. Zu nennen wären beispielsweise die Leipziger Burschenschaften Arminia, Germania und Normannia, die den Rechtsruck des bundesweiten Dachverbandes mit vollzogen haben, als dieser darüber diskutierte, einen „Ariernachweis“ einzuführen. Ob sich an den vor fünf Jahren dargelegten Verbindungen ins Rechtsaußenspektrum mittlerweile grundlegend etwas geändert hat, erscheint zudem fraglich.

Nun beschränken sich rassistische, reaktionäre und ressentimentgeladene Weltbilder an der Uni Leipzig (und vermutlich auch an jeder anderen Hochschule) jedoch nicht nur auf Studenten und Absolventen, sondern sind auch bei Mitarbeitern vorzufinden. Als das Unirektorat drei Tage vor dem ersten Legida-„Spaziergang“ eine hochschulinterne Mail verschickte, in der es dazu aufrief, sich an den Gegenkundgebungen zu beteiligen und den Studenten ab 15 Uhr für „Lehrstunden für Demokratie und Vielfalt“ freizugeben, stieß das nicht überall auf Begeisterung. So kündigte etwa ein Dozent des Sprachenzentrums an, der Bitte nicht nachzukommen und sich – mit Verweis auf die angeblich seit einem halben Jahrzehnt stattfindende Islamisierung Deutschlands – stattdessen der Legidademo anschließen zu wollen. Am Ende seiner Mail verblieb der Sprachenlehrer mit freundlichen Grüßen und „in Anrufung meines geliebten heiligen Vaterlandes“. Nach Angaben eines Teilnehmers soll er auch in seinem Seminar rechtes Gedankengut verbreitet haben.

Ob man ihn zu jenen Legidaanhängern zählen darf, die den Organisatoren bis zur vorläufig letzten Kundgebung Anfang Mai die Treue hielten, ist nicht bekannt. Falls ja, dann wäre er dabei (mindestens) einem Kollegen von der Uni Leipzig begegnet – einem Kollegen, der nicht vor, sondern auf der Bühne stand.

Jener Redner wurde als „Yuri aus Russland“ vorgestellt. Mit vollem Namen heißt er Yuri Kheifetz, ist 41 Jahre alt, wurde in Usbekistan geboren, wuchs in Moskau auf und verbrachte anschließend mehr als zwei Jahrzehnte in Israel. Seit vergangenem September ist Kheifetz als nichtwissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie angestellt, wo er Modelle für Blutzellprozesse entwickelt.

Was ihn auf die Legidabühne trieb, ist leicht zu beantworten: ein öffentliches Angebot der Organisatoren auf Facebook. Dieses erhielt er, nachdem er eine Ankündigung von Legida, nicht mehr mit der Presse zu reden, kritisiert hatte (s. Screenshots). Das alles geschah schon drei Monate vor seinem Auftritt. Schwieriger verhält es sich mit der Frage, wodurch sein Legidakompatibles Weltbild geformt wurde.

Auswahl_001Auswahl_002Hört man sich die gut 20-minütige Rede an (sein Auftritt beginnt bei Minute 34:21), so bekommt man eine Vorstellung davon, woher Kheifetz seine „Informationen“ erhalten haben könnte. Es sind die bekannten Themen, mit denen sich rechte Blätter, Verlage und Internetseiten wie Junge Freiheit, pi-news, blu-news und Kopp so liebend gerne befassen. So behauptet er beispielsweise, dass in den USA schwarze Jugendliche das „Knockout game“ betreiben würden, bei dem es darum geht, Leute nur zum Vergnügen bewusstlos zu schlagen. Faktisch ist das korrekt, aber natürlich gibt es dabei nicht nur schwarze Täter und weiße Opfer. Später erwähnt er eine Statistik, der zufolge im Jahr 2010 sämtliche Vergewaltigungen in Oslo durch muslimische Migranten aus Asien und Afrika begangen worden seien. Tatsächlich jedoch besagt dieselbe Statistik, dass in mehr als der Hälfte der Fälle die Täter aus Norwegen oder anderen europäischen Staaten kamen.

Auch andere Passagen seiner Rede haben es in sich:

„Leipzig gehört zu Deutschland und nicht zur Türkei oder Syrien. Leipzig ist die Stadt von Bach und nicht die Stadt der Scharia.“
„Der schwarze Rassismus hat fast die komplette weiße Bevölkerung aus Afrika verjagt. Die Lügenpresse spricht aber nur über den angeblichen Faschismus.“
„Europa ist nicht für die Probleme Afrikas verantwortlich. Das ist gelogen und rassistisch.“
„Deutschland soll den faulen Griechen kein Geld zahlen.“

Kheifetz trägt das alles in gebrochenem Deutsch vor; Missverständnisse oder ungewollte Verallgemeinerungen sind daher nicht auszuschließen. In ihrer Gesamtheit ergibt die Rede auf der Legidabühne aber ein recht deutliches Bild: Dem im Leitbild der Universität Leipzig angestrebten Wohl der Menschen – aller Menschen – fühlt sich Kheifetz wohl nicht verpflichtet.

Im Telefongespräch erklärt er, dass ihm besonders der Schutz der europäischen Kultur, ein Ende der Kriegstreiberei gegen Russland und mehr direkte Demokratie am Herzen lägen. Er interessiert sich für eine als „Neue Rechte“ bezeichnete politische Strömung und nennt Geert Wilders als seinen Lieblingspolitiker. Dessen Auftritt bei Pegida in Dresden, den er vor Ort verfolgt hat, fand er „sehr interessant“. Kheifetz kritisiert die Unileitung für ihre Haltung gegenüber Legida, weil sie den freien Austausch der Gedanken, für den Legida und eigentlich ja auch die Hochschule stehe, verhindere. Nun jedoch wird diskutiert, allerdings im kleinen Kreis: Kheifetz zufolge hat sich das Rektorat wegen seiner Legidaaktivitäten bereits „indirekt“ mit ihm in Verbindung gesetzt. Das könnte bedeuten, dass Gespräche zwischen Unispitze und Fakultäts- beziehungsweise Institutsleitung stattfinden.

Das Rektorat findet jedenfalls klare Worte für ihren Mitarbeiter: „Wir distanzieren uns ausdrücklich von seinen Aussagen,“ sagt Pressesprecher Carsten Heckmann auf Anfrage. „Aber natürlich können wir nicht verhindern, dass Universitätsangehörige an Legida-Demonstrationen teilnehmen oder gar als Redner dort auftreten.“ Weil Kheifetz dies als Privatperson getan habe, sei nicht mit Konsequenzen für ihn zu rechnen. Aus rechtlicher Sicht besitzt die Universität wohl auch gar keine Handhabe. Instituts- und Fakultätsleitung sowie der Fachschaftsrat der Medizin waren kurzfristig für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Dafür äußert sich Marcus Adler, Sprecher des Stura-Referates für Antirassismus: „In seinen Aussagen spiegelt sich der bei den Legida-Demonstrationen geäußerte Rassismus und Nationalchauvinismus in seiner primitivsten Form wider.“ Kheifetz betreibe ein „victim blaming“, welches den Opfern von rassistischer Gewalt selbst die Schuld an ihren Erfahrungen mit Rassismus gebe. „Rassistische und alle anderen diskriminierenden Äußerungen seitens universitärer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen thematisiert und als Ausdruck einer besonders in Ostdeutschland vorherrschenden Grundstimmung gegen als ’nicht-deutsch‘ wahrgenommene Menschen interpretiert werden“, sagt Adler weiter.

Auch eine Aktivistin (Name ist mir bekannt) vom studentischen Bündnis „Legida? Läuft nicht!“ zeigt sich schockiert: „Besonders bestürzend finden wir, dass gerade ein Mensch, der sich wissenschaftlich betätigt, sich in solcher Art und Weise rassistisch und unwissenschaftlich äußert.“ Menschenverachtende Haltungen seien nicht nur ein Problem bei Legida, sondern auch im universitären Alltag. „Wir fordern deshalb alle Studierenden dazu auf, sich auch an der Uni gegen Rassismus und Nationalismus zu stellen – auch, wenn der von Menschen kommt, von denen wir es zuerst nicht erwarten.“

Vielsagend ist auch ein Blick auf Facebook: Neben Gruppen wie „Schwarz-Weiß-Rot ist keine Nazi-Fahne“, „Wir unterstützen Thilo Sarrazin“ und „Rock gegen Links“ drückt Kheifetz dort Sympathien mit einer realen Person aus: dem deutschstämmigen US-Amerikaner George Zimmerman. Der erschoss vor drei Jahren den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin und berief sich anschließend auf die „Stand Your Ground“-Gesetze, denen zufolge schon eine gefühlte ernsthafte Bedrohung eine Notwehr rechtfertigt; sie muss also nicht tatsächlich vorliegen. Die Unterstützer von Trayvon Martin vermuteten bei der Tat einen rassistischen Hintergrund, weil sich Zimmerman ihrer Meinung nach wegen der Hautfarbe des Getöteten bedroht gefühlt habe. Anfang 2015 wurde er jedoch freigesprochen. Weil Zimmerman dennoch das Ziel von verbalen und körperlichen Angriffen blieb, wollte er via Facebook seine Unterstützung ausdrücken, sagt Kheifetz.

Von sich selbst behauptet er, gegen Rassismus zu sein. Er sei nicht fremdenfeindlich und begründet dies damit, dass er Ausländer ist und mit einem syrischen Flüchtling in Kontakt stehe. Auch Legida sei „keinesfalls fremden- oder islamfeindlich.“ Das würden die Organisatoren der Veranstaltungen ja schließlich jedes Mal betonen. Noch einmal bei Legida auftreten möchte Kheifetz nicht. Er sei enttäuscht von der scharfen Reaktion des Rektorats und darüber, dass es sich in die Meinungsäußerung eines Mitarbeiters einmische. Mit seiner Familie in Deutschland zu bleiben und hier zu arbeiten, habe für ihn nun Priorität.

Mit Dank an Julian für das Foto. Er twittert u.a. live von den (No-)Legidademos.

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2 Antworten zu Eine weltoffene Uni mit offen rechten Mitarbeitern

  1. Der die Wahrheit liebt schreibt:

    Was ist los mit Euch? Schaut mal ins Grundgesetz, jeder hat das Recht auf freie Meinung. Kein Mensch ist zu verfolgen wegen seiner politischen oder religiösen Einstellung und dürfen ihn nicht zum Nachteil gereichen.

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  2. besorgter Mensch schreibt:

    hast du den Artikel gelesen?
    Das „Recht auf freie Meinung (sic)“ wird nicht beeinträchtigt wenn ein öffentlicher Redner bzw. seine Aussagen kritisiert werden. Verfolgung sieht anders aus. Wenn ein Wissenschaftler sich öffentlich in einer Weise äußert die an seiner Fähigkeit zu Abstraktion und der Einhaltung wissenschaftlicher Standards (Überprüfung von Informationsquellen) zweifeln lässt, so ist es durchaus angebracht auch seine wissenschaftliche Arbeit zu prüfen (was sowieso vorausgesetzt werden muss). Wenn ihm dadurch Nachteile entstehen kann er sich nicht auf Meinungsfreiheit berufen.

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