MDR-Bericht: Islamistische Terroristen regieren die Eisenbahnstraße

Schnell weg hier: Straßenbahn der LVB bringt Passagiere aus der Gefahrenzone. Foto: Don-kun

Schnell weg hier: Straßenbahn der LVB bringt Passagiere aus der Gefahrenzone. Foto: Don-kun

Glaubt man einem MDR-Bericht, ist „Gaza-Streifen“ heutzutage eine bei Migranten beliebte Bezeichnung für die Eisenbahnstraße. Blöd nur: In Leipzig findet sich niemand, der das bestätigen kann.

Seit einigen Jahren scheint es unter deutschen Journalisten einen Überbietungswettbewerb zu geben: Wer erzählt die gruseligste Schauergeschichte über die Leipziger Eisenbahnstraße? Das Boulevardmagazin „taff“ gab Ende 2013 den Ton vor, als es von der „schlimmsten Straße Deutschlands“ berichtete, in der Schießereien angeblich an der Tagesordnung seien. Die Onlineseite des „Focus“ legte im vergangenen Jahr mit einer knackigen Überschrift nach: „Wo das Verbrechen wohnt. Die Eisenbahnstraße in Leipzig: Die kriminellsten 1,5 Kilometer Deutschlands.“ Einen statistischen Beleg für diese Behauptung lieferte Focus-Online freilich nicht – vermutlich, weil ein solcher gar nicht existiert.

Der „Kriminalitätsatlas 2015“, herausgegeben vom Landeskriminalamt Sachsen, zeigt auf, in welchen Stadtteilen wie viele angezeigte Straftaten verübt wurden. Besonders hoch ist die Belastung in zentrumsnahen Bereichen, also beispielsweise in Neustadt-Neuschönefeld, wo der westliche Teil der Eisenbahnstraße liegt. Volkmarsdorf hingegen, der zweite relevante Stadtteil, erreicht lediglich die dritthöchste von sechs Kriminalitätsstufen. Eine Sonderstellung der Eisenbahnstraße lässt sich aus der Statistik nicht ableiten.

Die meisten Straftaten gibt's im Zentrum. Quelle: LKA

Die meisten Straftaten gibt’s im Zentrum. Quelle: LKA

Dennoch erwecken verschiedene Medienberichte und die Hetze rechter Gruppierungen häufig den Eindruck, es würde sich um eine Art Kriegsgebiet handeln, in dem vorrangig Deutsche nicht mehr sicher seien. Zu einer zumindest unglücklichen Formulierung griff nun auch der MDR. So heißt es in einem Online-Artikel: „In Sachsen ist der Leipziger Osten mit seinen Stadtteilen Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf bei Migranten besonders populär – Einheimische nennen die Eisenbahnstraße auch ‚Gaza-Streifen‘.“

Es soll also eine nennenswerte Anzahl an Menschen in Leipzig geben, die eine Straße in einer deutschen Großstadt mit einem weitgehend abgeriegelten Gebiet am Mittelmeer gleichsetzen, dessen Bevölkerung sich größtenteils nicht selbstständig mit Lebensmitteln versorgen kann und von einer Terrororganisation regiert wird, deren Ziel die Zerstörung Israels ist.

Mir ist keine Person bekannt, die einen solchen Vergleich sinnvoll findet und die Eisenbahnstraße „Gaza-Streifen“ nennt. Eine kurze Umfrage auf Twitter ergab, dass es meinen Followern ähnlich geht:

Schon mal vom Gaza-Streifen im Leipziger Osten gehört? Klare Antwort: Nö. Quelle: Twitter

Schon mal vom Gaza-Streifen im Leipziger Osten gehört? Klare Antwort: Nö. Quelle: Twitter

Immerhin erreichte mich noch eine private Nachricht, wonach der Begriff vor etwa 15 bis 20 Jahren durchaus verbreitet gewesen sein soll. Dies könnte mit damals noch sichtbaren Kriegsschäden an den Gebäuden zusammenhängen – so die Vermutung der mir nicht persönlich bekannten Quelle.

Auf die Nachfrage eines Twitter-Users, welche Einheimischen die Bezeichnung „Gaza-Streifen“ verwenden würden, antwortete der Account von MDR Sachsen, es seien „die Migranten“. Allerdings ist es schwer vorstellbar, dass Menschen aus Russland, Syrien, Polen, Ukraine, Vietnam, Rumänien, Kasachstan, Irak, Türkei oder Italien – laut aktuellem Migrationsbericht die häufigsten Herkunftsländer eingewanderter Leipziger – dies tun sollten. Einer Bitte meinerseits, diese Aussage zu konkretisieren, wurde nicht nachgekommen.

Geantwortet haben mir hingegen eine in der Migrationspolitik aktive Stadträtin und eine für den Leipziger Osten zuständige Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. Ergebnis: Ein „Gaza-Streifen“ in Leipzig ist ihnen völlig unbekannt. Stojan Gugutschkow, Leiter des Referats für Migration und Integration der Stadt Leipzig, wird deutlich: „Die Bezeichnung ‚Gaza-Streifen‘ für die Eisenbahnstraße in Leipzig war uns bislang nicht bekannt. Woher der MDR diese Bezeichnung hat, die unseres Erachtens jeglicher sachlicher Grundlage entbehrt, entzieht sich unserer Kenntnis.“

Kann sein, dass es Menschen gibt, die diesen Begriff tatsächlich nutzen. Weit verbreitet ist er heutzutage jedoch nicht. Die einzige mir bekannte Spur führt übrigens zu Siegfried Daebritz aus dem Pegida-Orgateam. Aber der wohnt nicht in Leipzig.

So glaubwürdig wie Pinocchio. Quelle: Facebook

So glaubwürdig wie Pinocchio. Quelle: Facebook

Mag die Behauptung in dem MDR-Artikel schwer nachzuvollziehen sein, so taugt sie dennoch sicher nicht zum Skandal – im Gegensatz zu den Plänen der sächsischen Landesregierung, um die es im Text eigentlich geht. Schwarz-Rot plant eine sogenannte Wohnsitzauflage. Demnach dürften anerkannte Flüchtlinge – sofern sie Sozialleistungen wie Hartz IV beziehen – zukünftig nur noch in dem Landkreis oder der Stadt wohnen, der sie nach Abschluss ihres Asylverfahrens zugewiesen wurden.

Die sozialdemokratische Integrationsministerin Petra Köpping hatte dazu bereits im Juni im Bundestag erklärt: „Die zeitlich befristete Wohnsitzauflage kann bei guter Umsetzung eine Chance für gelingende Integration vor allem in den ländlichen Gebieten sein.“ Geflüchtete wären dann also gezwungen, in Gegenden zu leben, in denen zuletzt jeder fünfte Wähler sein Kreuz bei der AfD oder der NPD setzte.

Laut MDR-Bericht hatte unter anderem die Stadt Leipzig eine solche Wohnsitzauflage gefordert. Die viel beschworene Weltoffenheit der angeblichen Heldenstadt entpuppt sich somit einmal mehr als leere Phrase.

Update: Der Journalist, der für den MDR-Beitrag verantwortlich ist, hat mich kurz nach der Veröffentlichung meines Blogartikels kontaktiert und mir folgende Erklärung zugeschickt:

„Woher stammt der Begriff ‚Gaza-Streifen‘? Den hatte ich bei Dreharbeiten im April von zwei ‚Ureinwohnern‘ der Eisenbahnstraße aufgeschnappt, die schon zu DDR-Zeiten dort gelebt hatten und die ich keineswegs als ‚besorge Bürger‘ bezeichnen würde. Im Gegenteil: Beide waren sichtlich angetan von der kulturellen Vielfalt in ihrem Viertel. Eine Kollegin, die dort gewohnt hatte, kannte die Bezeichnung ebenfalls. Auch ich habe diesen Begriff keineswegs als diffamierend empfunden, sondern als scherzhafte Umschreibung eines länglichen Gebiets mit hohem, muslimischen Bevölkerungsanteil in Anlehnung an das gleichnamige Palästinensergebiet. Lebten beispielsweise am Cospudener See verhältnismäßig viele Peruaner und Bolivianer – einige würden ihn vielleicht ‚Titicacasee‘ nennen. Hätten Teile des Erzgebirgskamms einen besonders hohen Anteil osteuropäischer Bewohner, hieße diese Region womöglich ‚Karpaten‘. Beides fände ich ebenso wenig abwertend oder gar rassistisch.“

Das Ergebnis der erwähnten Dreharbeiten ist übrigens ein sympathisches Porträt der Eisenbahnstraße im Kontext der Wohnsitzauflage, das ihr euch hier anschauen könnt.

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2 Antworten zu MDR-Bericht: Islamistische Terroristen regieren die Eisenbahnstraße

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