„Das Problem mit dem Patriarchat ist allgegenwärtig“

Ausgangspunkt der Demo ist das Clara-Zetkin-Denkmal

Startpunkt der Demo ist das Clara-Zetkin-Denkmal

Ein Interview mit dem Bündnis „Feministische Kämpfe in die Offensive“ über Sexismus, Rassismus, linksradikale Macker und das Conne Island.

Feministische Kämpfe durchlaufen in den vergangenen Monaten ein ziemliches Wechselbad der Gefühle. Noch im Juli beschließt der Bundestag einstimmig ein Gesetz, das künftig Vergewaltigungen, die bislang strafrechtlich nicht als solche gewertet wurden, unter Strafe stellt. Vier Monate später wählen US-Amerikaner einen Sexisten, der sich über die Menstruation von Frauen lustig macht und diese in der Vergangenheit zum reinen Sexobjekt erklärt hat, zum neuen Präsidenten. Einen Tag nach dessen Amtseinführung wiederum beteiligen sich Hunderttausende am Women‘s March on Washington und sorgen damit für die vielleicht größte Demonstration in den USA aller Zeiten.

So etwas wie einen Women’s March veranstaltet am kommenden Samstag auch das mit Cat Content werbende link(sradikal)e Bündnis „Feministische Kämpfe in die Offensive“, das ab 13 Uhr eine Demonstration am Clara-Zetkin-Denkmal mit anschließender Route durch den Leipziger Süden angemeldet hat. Pressesprecherin Louise Ninive hat mir per Mail einige Fragen beantwortet.

(alle Fotos entstammen der Demo vom vergangenen Jahr)

Am Samstagnachmittag findet in Leipzig die Demonstration zum Feministischen Kampftag 2017 statt. Wie zufrieden bist du bislang mit der Mobilisierung?

Ich bin ziemlich zufrieden – zum einen, weil tolle Veranstaltungen stattgefunden haben und zum anderen, weil eine erstaunliche Bandbreite verschiedener Gruppen aus verschiedenen Spektren zusammengefunden hat, und das mit der Absicht, über die Demonstration am Samstag hinaus zu bestehen. Es gibt noch viele Referent*innen, die ich unglaublich gerne einladen würde, und ich bin recht zuversichtlich, dass wir eine Reichweite erlangen können, die es so in Leipzig für feministische Themen noch nicht gab.

Es gab selbstverständlich auch einige Probleme und ein bisschen Chaos, aber das finde ich weder verwunderlich noch verwerflich; schließlich treffen viele Menschen aus verschiedensten Kontexten aufeinander, die alle auch ökonomischen und sozialen Zwängen unterliegen. Das wird bei der Außenbetrachtung von selbstorganisierten Bündnissen häufig vergessen; umso zufriedener bin ich allerdings darüber, was wir auf die Beine gestellt haben.

Welche Veranstaltungen gab es bereits im Vorfeld?

Wir haben einige Filme gezeigt und verschiedene Vorträge organisiert, zum Beispiel zwei Rape-Culture-Vorträge, auf die wir sehr positives Feedback bekommen haben. Über die Filme konnten wir sehr facettenreich feministische Kämpfe zeigen: von Kämpfen britischer Ford-Arbeiterinnen bis hin zu Aktivistinnen, die mithilfe eines Bootes und einer Menge Einsatz Frauen Schwangerschaftsabbrüche ermöglichen. Genaueres zu den vergangenen und kommenden Veranstaltungen gibt es sowohl auf unserer Facebook– als auch unserer Blogsportseite.

Ich kann mir das als Veranstaltungsformat für die Zukunft gut vorstellen, damit feministische Themen nicht immer nur um den 8. März behandelt werden und präsent bleiben. Die feministischen Kämpfe, die wir, Genoss*innen und Freund*innen sowie die Aktivist*innen führen und führen müssen, sind ja auch täglich präsent.

Die „Frauenkampftag“-Demo vor einem Jahr thematisierte besonders die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht 2015/16 und die anschließenden Debatten über „nordafrikanische Männer“. Werden die Zusammenhänge von Sexismus und Rassismus erneut im Mittelpunkt stehen?

Wir möchten inhaltlich nicht ausschließlich reagieren; schließlich geben auch die sexistischen „Normalzustände“ ausreichend Grund, auf die Barrikaden zu gehen. Dennoch sind das natürlich Themen, die derzeit eine wichtige Rolle spielen und den Zeitgeist auf erschreckende Art und Weise beeinflussen beziehungsweise – wenn man sich in sozialen Netzwerken wie Facebook herumtreibt – sogar zu beherrschen scheinen. Die Verquickung von Sexismus und Rassismus muss Thema sein, wenn von links, wie von rechts und aus der „gesellschaftlichen Mitte“ der Kampf gegen Sexismus rassistisch vereinnahmt wird. Wir haben dazu auch einen Vortrag veranstaltet.

Die Zusammenhänge stehen allerdings auch noch aus einem anderen Grund im Fokus, da wir uns besonders auf den gesellschaftlichen Rechtsruck beziehen, in welchem Völkischer Nationalismus und antiquierte Rollenbilder eine glückliche Ehe eingehen. Der „weiße Mann“ bekommt dieser Tage ja sehr viel mediale Aufmerksamkeit und definiert sich auffällig durch das, was er nicht ist: weiblich oder mit Migrationshintergrund. Es ist demnach identitätsstiftend für ihn, wenn es „den Anderen“ vor den ersehnten Mauern und nationalen Grenzen gibt und „die Andere“, die er beschützen, begatten und bevormunden kann.

Das bedeutet nicht, dass keine Unterschiede zwischen Sexismus und Rassismus bestehen oder Feminismus nicht sexistisch sein könnte, ebenso wie Antirassismus sexistisch sein kann. Allerdings treten beide häufig zusammen auf und müssen vor allem zusammen bekämpft werden – anderweitig kann es nicht die befreite Gesellschaft sein, auf welche man hinarbeitet.

In einem Interview war zu lesen, dass unter anderem Redebeiträge geplant sind, die „über Sexismus in unserer direkten Umgebung aufklären“ sollen. Damit dürfte vermutlich Leipzig gemeint sein. Wo genau besteht Handlungsbedarf in dieser Stadt?

Damit ist zwar der Sexismus in Leipzig gemeint, jedoch nicht unbedingt Leipzig-spezifischer. Vielmehr wollen wir den Blick dafür schärfen, dass Sexismus kein Problem „der Anderen“ ist. Dass die Kämpfe, die wir austragen, zwar unbedingt internationale und inkludierende Kämpfe sein müssen, also nicht nur Kämpfe weißer, bürgerlicher cis-Frauen, dass Sexismus aber auch hier direkt vor unserer Haustür stattfindet. Gerade jetzt, wo Debatten um das Conne Island und die Silvesternacht so heiß geführt werden. Wir wollen nicht, dass alte CDU-Männer „die Deutsche Frau“ gegen den Sexismus der Anderen verteidigen und im nächsten Atemzug mit aller Kraft ihre patriarchalen Familien- und Frauenbilder durchsetzen.

Viele Frauen* sind in ihrer täglichen Realität mit Anzüglichkeiten konfrontiert, sei es bei der Arbeit oder im Nachtleben. Der größte Teil alleinerziehender Elternteile in Deutschland ist weiblich. Diese Familien sind am häufigsten von Kinderarmut betroffen und die Alleinerziehenden leiden unter der Doppelbelastung meist prekärer Lohn- und Fürsorgearbeit. Das Problem mit dem Patriarchat ist allgegenwärtig und spielt auch in unserem relativ privilegierten Leben eine noch immer viel zu große Rolle.

Während der feministischen Demo vor zwei Jahren hatten sich mehrere Teilnehmerinnen über Männer beschwert, die als „Begleitschutz“ aufgetreten waren. Im vergangenen Jahr prügelten sich männliche Teilnehmer mit besoffenen Gaffern. Hat die radikale Linke in Leipzig ein Macker-Problem?

Die Frage sollte eher lauten: Hat auch die radikale Linke ein Macker-Problem? Denn ja, das hat sie. In Leipzig wie anderswo, aber eben insoweit, als dass wir alle Individuen einer Gesellschaft sind, in welcher wir mit Rollenbildern sozialisiert werden, in der es männliche Vorherrschaft gibt und in der es kaum jemandem auffällt, wenn Männer in Diskussionen den gesamten Raum beanspruchen.

Es wäre eine schöne Vorstellung, dass die linke Szene aus lauter davon unberührten Lichtgestalten bestünde, die keine gesellschaftlichen Phänomene reproduzieren. Dem ist nicht so – gerade wenn man bedenkt, dass das kämpferische Element beispielsweise klassischer Antifa-Arbeit gesellschaftlich mit Männlichkeit und Stärke assoziiert wird – und nicht wenige männliche Personen sich über selbige politisieren.

Dennoch denke ich, dass die Reflexion bei männlich sozialisierten Personen in linken Kreisen sehr viel höher ist als außerhalb selbiger. Viele Männer* beschäftigen sich in diesem Rahmen mit feministischer Theorie, unterstützen feministische Kämpfe und reflektieren – nicht zuletzt über scheinbare Banalitäten wie Redelisten – ihr eigenes Verhalten. Das fällt besonders auf, wenn man sich zwischen Seminaren und Polit-Plenen bewegt. Ich möchte an dieser Stelle nichts beschönigen, finde es nur wichtig, dass man linksradikal Organisierte nicht an der Gesellschaft enthobenen Maßstäben misst.

Trotzdem: Wir kämpfen gegen männliche Vorherrschaft ebenso wie gegen jegliche anderen Herrschaftsverhältnisse, sodass Macker weder auf der Demo am Samstag noch auf einem Plenum etwas zu suchen haben.

Die Demonstration soll laut einer Pressemitteilung am Conne Island enden. Ist dies nach all den Diskussionen der vergangenen Monate, zuletzt erneut befeuert durch einen Text der „No Tears for Krauts“ und den Streit mit der Polizei, als solidarisches Statement für das Kulturzentrum und dessen Kampf gegen Sexismus zu verstehen?

Die Demo wird aller Voraussicht nach nicht am Conne Island enden, was verschiedene Gründe hat. Die eigentliche Intention dahinter, die Demo dort enden zu lassen, war aber, die Teilnehmer*innen nicht so vereinzeln zu lassen – zu oft lösen sich Demonstrationen direkt auf, was es der Polizei sehr einfach macht, Einzelpersonen abzufangen. Deswegen suchen wir auch noch nach einer Lösung, die Teilnehmer*innen noch ein wenig zusammen zu halten. Aber auch, um das Gefühl der Solidarität, welches durch gemeinsames Einstehen für Etwas entsteht, nicht direkt wieder abklingen zu lassen. [Anmerkung: Die Demo soll nun doch am Conne Island enden.]

Zur Conne-Island-Debatte lässt sich vieles sagen und wurde bereits vieles gesagt. Einige der Gruppen in unserem Bündnis nutzen die Räumlichkeiten des Conne Islands und wir pflegen ein gutes Verhältnis zu selbigem. Ebenso finden wir es wichtig, dass die Menschen vom Conne Island sich entschieden haben, mit ihrem Problem – welches ja nicht nur ihres ist – an die Öffentlichkeit zu treten. Leider wurde seitdem viel vereinnahmt, zwar auch vieles diskutiert, aber noch viel mehr instrumentalisiert. Neben der vielen Häme von rechts schmerzt dabei der Rassismus des „No Tears for Krauts“-Textes besonders.

Der Kampf gegen den Sexismus ist an dieser Stelle unglaublich schwierig – und wie man am Polizeibericht über die Vorfälle am vergangenen Wochenende sieht, wird er zunehmend erschwert: Dort fand sich ja die indirekte Anschuldigung, Rassismus sei nicht mehr nur in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen. Das ist zum einen eine sehr unprofessionelle Äußerung, zum anderen denunziert es natürlich den Kampf gegen sexualisierte Gewalt und trifft – befürchte ich – einen Nerv, der derzeit in der linken Szene blank liegt – nicht nur in Leipzig.

Umso wichtiger ist es, die vorhin bereits erwähnte Verquickung von Rassismus und Sexismus klar zu machen, und sich vor gefährlichen Verallgemeinerungen zu hüten. Wir tolerieren den Sexismus der Weltreligion Islam ebenso wenig wie den Rassismus der Gleichsetzung muslimischer Menschen mit dem Islam und dessen patriarchaler Strukturen.

Weitere Interviews findet ihr hier, hier und hier.

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Eine Antwort zu „Das Problem mit dem Patriarchat ist allgegenwärtig“

  1. gripseljagd schreibt:

    Einfach mal rausgegriffen…
    „Viele Frauen* sind in ihrer täglichen Realität mit Anzüglichkeiten konfrontiert, sei es bei der Arbeit oder im Nachtleben.“ Aha also im Nachtleben bei der aktiven Balz gibt es anzügliche Bemerkungen, was denn sonst? Bemerkungen über Schuhe und Taschen?
    „Der größte Teil alleinerziehender Elternteile in Deutschland ist weiblich. Diese Familien sind am häufigsten von Kinderarmut betroffen und die Alleinerziehenden leiden unter der Doppelbelastung meist prekärer Lohn- und Fürsorgearbeit. „
    Viele Männer wollen sich um ihre Kinder kümmern werden aber ausgeschlossen. Dann gebt eure Kinder häufiger an ihre Väter ab. Außerdem wer hat sich denn den Vater ausgesucht? Doch die Mutter und nicht das Kind. Wenn eine Frau sich einen falschen Partner aussucht um eine Familie zu gründen, ist doch nicht die Gesellschaft schuld. Tragt die Verantwortung für eure Entscheidungen.
    „Das Problem mit dem Patriarchat ist allgegenwärtig und spielt auch in unserem relativ privilegierten Leben eine noch immer viel zu große Rolle.“

    Patriarchat? Also hier in der BRD gibt es keine Trennung nach Geschlecht, Frauen dürfen alles was Männer dürfen, können sich entscheiden welchen Weg sie gehen. Die Kanzlerin ist eine Frau, schon mal gemerkt? Es gibt keine männliche Herrschaft. Frauen studieren häufiger als Männer sind gebildet und können jeden Weg einschlagen.
    Was soll also dieser überzogene Text? Reine Propaganda die niemanden was nutzt, trennt und Aggressivität verbreitet.

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